Leserbriefe : Haben wir einen falschen Begriff von Armut?

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„Vererbte Chancenlosigkeit“ vom 1. März und

„Elf Millionen Deutsche leben in Armut“

vom 3. März 2005

Leider werden wir uns wohl bis zum September 2006 auf ein noch zunehmendes Wahlkampfgeschrei einrichten müssen, wenn man sich die gegenwärtige Argumentation einiger Parteien betrachtet.

Viele ältere Menschen, die in den Nachkriegsjahren noch wirklich Armut erleben mussten, sind empört über den inflationären Umgang mit dem Begriff. Als ich Kind war, wusste meine alleinerziehende Mutter oft nicht, wie sie die Miete zusammenbekommen sollte. Kleidung, Essen und Heizung fehlten. Überzählige Reste in Lebensmittelgeschäften gab es nicht. Viele Menschen waren unterernährt. Im Winter konnten Kinder oft nicht zur Schule, weil sie keine Schuhe hatten. Die von mir betreuten Sozialhilfeempfänger bekommen die Miete vom Sozialamt, ebenso komplette Wohnungseinrichtung, Kleidung und Heizkostenerstattung. Selbst Fernseher wurden gespendet, in denen wir gemeinsam wirklich arme Länder sehen, in denen die Menschen täglich verzweifelt um Essen, Kleidung und Obdach kämpfen.

Selbst die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Katrin Göring-Eckardt, schreibt im Tagesspiegel zum Begriff „Kinderarmut“, dass es nicht so sehr das fehlende Geld ist, das diese Kinder von der Gesellschaft ausschließt, sondern eine soziale und kulturelle Unterversorgung. Aber auch Eintrittskarten für kulturelle Ereignisse werden verschenkt. Die von mir befragten Kinder aus unterprivilegierten Familien klagen über fehlende Markenkleidung, Schuhe und Handys, wodurch sie in der Schule gehänselt werden. Alles hängt mit der Arbeitslosigkeit zusammen.

Tagespiegel-Kommentatoren schreiben aber mit Recht, dass Schulden und Arbeitslosenzahlen von der CDU/CSU-Vorgänger-Regierung übernommen wurden. Die Massenentlassungen wurden nicht von der jetzigen Regierung durchgeführt, sondern von Betrieben und Konzernen, trotz steigender Gewinne, die sie eben diesen entlassenen Arbeitnehmern verdanken.

Bernd Heller, Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrter Herr Heller,

Sie finden, dass bei uns mit dem Begriff Armut inflationär umgegangen wird. Armut ist bei uns unauffälliger als in den Ländern der Dritten und Vierten Welt. Vom Standpunkt eines armen Menschen in Afrika und Asien aus betrachtet, sind Arme hier bei uns als reich anzusehen. Bei uns muss niemand verhungern, hat theoretisch jeder Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. So sprechen wir bei uns von relativer Armut im Gegensatz zur absoluten Armut in den Entwicklungsländern. Zu den relativ Armen werden in den Industrienationen Menschen gezählt, die über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen. Attac nennt hier beispielsweise 730 Euro für den Westen und 650 Euro für den Osten Deutschlands.

Der gesellschaftliche Kontext gibt Auskunft über die Lage der Menschen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg galten andere Maßstäbe. Durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II gibt es für die Bezieher heute keine zusätzlichen Mittel mehr für Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte. Der Mangel an Arbeitsplätzen ist verantwortlich für die wachsende Armut.

Nach den neusten Erhebungen sind hier vor allem die Kinder betroffen: 10,2 Prozent von ihnen leben in Deutschland in relativer Armut mit steigender Tendenz. Angesichts der hohen Werbe-Wertigkeit ist es nur zu verständlich, dass auch die Schülerinnen und Schüler Markenjeans, Handys oder Videospiele haben wollen, in deren Familien kein Geld für einen Kauf vorhanden ist. Wichtiger ist aber, dass in armen Familien das Geld nicht reicht für eine ausgewogene Ernährung, für frisches Obst und Gemüse. Auch sind die Wohnverhältnisse oft nicht so, dass sie die Gesundheit oder auch die Konzentrationsfähigkeit von Kindern fördern. Nicht alle Eltern kommen mit dieser Situation zurecht, so dass ihre Kinder oft noch zusätzlich emotional hungern. Auf der anderen Seite verfügen zehn Prozent aller Haushalte in Deutschland über fast die Hälfte, nämlich 47 Prozent, des gesamten Vermögens. Das sind unvorstellbare fünf Billionen Euro. Dass die Schere zwischen Arm und Reich bei uns immer weiter auseinander geht, muss nicht so bleiben. Das Ende der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins billigere Ausland bzw. des Abbaus von Arbeitsplätzen zur Beglückung von Aktionären, die Schaffung neuer Arbeitsplätze, das Nachdenken über Veränderungen bei der Vermögens- und Erbschaftssteuer, die Beschränkung bei Einkommen und Abfindungen in der Wirtschaft wären Zeichen der Solidarität. Zugleich sind unser aller Ideenreichtum und Engagement gefragt, damit diejenigen, die in dieser relativen Armut leben, Solidarität und damit Ermutigung zum Bestehen des Alltags erfahren.

— Susanne Kahl-Passoth ist Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

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