Leserbriefe : Hat der Senat den Fernbahnhof Zoo aufgegeben?

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„Wowereit hat den Bahnhof Zoo aufgegeben“

vom 5. Juli 2005 und „Mitte 2006 hält kein Fernzug mehr am Bahnhof Zoo“ vom 7. Juli 2005

Da haben ja die beiden richtigen Herren die Sache beraten: Herr Mehdorn bevorzugt erklärtermaßen eh das Flugzeug gegenüber seiner eigenen Dienstleistung. Von ihm sind wir eh nur groteske Entscheidungen und nicht funktionierenden Service gewohnt. Und Herrn Wowereit interessieren nur Fernreisen auf andere Kontinente. In Tradition seines früheren Senators Strieder sind wir Verschlimmbesserungen aus dieser Ecke gewöhnt. Verständlich, dass sich die beiden Charlottenburger bzw. Wilmersdorfer Anwohner dann leicht über die Interessen und Wünsche ihrer Nachbarn hinwegsetzen können. Das alles nur wegen einer gigantischen Fehlplanung am Lehrter Bahnhof. Ausbaden müssen es die rund 300000 Bürger der City-West sowie Weiterreisende Richtung Potsdam.

Übrigens trifft das Gleiche auf die Situation des Regionalbahnhofs Charlottenburg zu. Auch hier sind die Charlottenburger die Einzigen zwischen Belzig und Frankfurt/Oder, die auf einen Anschluss an das Regionalbahnnetz verzichten müssen. Das trifft nicht nur Regionalpendler, sondern auch Reisende in Richtung Flughafen Tegel.

Frank Muschalle, Berlin-Wilmersdorf

„Anschluss verpasst – SPD und CDU kämpfen für den Fernbahnhof Zoo“ vom 27. Juni 2005

Eigentlich sollte es derlei Diskussionen in einer demokratisch verfassten Gesellschaft und einem auf Angebot und Nachfrage basierenden Wirtschaftssystem gar nicht geben. Ein bewährter Bahnhof am Schnittpunkt zweier hochfrequentierter U-Bahn-Linien und am größten Busbahnhof einer 3-Mio.-Metropole gelegen, im Umkreis ein pulsierendes Geschäftszentrum und eine beispiellose Hoteldichte, soll vom Fernverkehr nicht mehr angefahren werden, weil sich eine Großinvestition in der zentralen Stadtpampa rechnen muss. Aber warten wir’s ab. Erinnern Sie sich noch an das klare und übersichtliche Tarifsystem, das uns vor wenigen Jahren als Jahrhundertwurf vorgestellt wurde – und das dann selbst Bahnbedienstete nicht mehr verstanden und die reihenweise falsche Fahrpreise berechneten? Oder die Ankündigung, dass das bahnfahrende Volk keine Speisewagen (neudeutsch: Bord-Bistros) mehr bräuchte?

Rainer Fink, Berlin-Schmargendorf

Sehr geehrter Herr Muschalle,

sehr geehrter Herr Fink,

der Bahnhof Zoo wird ab Sommer 2006 nicht mehr Fernbahnhof sein. Genauso wie die Mehrzahl der Berliner und Berlinerinnen bedauere ich diese Entscheidung.

Die Deutsche Bahn AG hat sich zu diesem Schritt entschlossen, da sie der Meinung ist, ohne Halt am Zoo letztendlich schneller und damit effizienter und fahrgastfreundlicher zu sein. Der Bahnhof Zoo spielte im geteilten Berlin eine zentrale Rolle.

Er ist auch heute noch der wichtigste Bahnhof der City-West mit hoher Symbolkraft. Wie viele werde ich es vermissen, nach der Fahrt aus Köln oder Frankfurt über die Stadtbahn grandios in die Stadt einzufahren und am Zoo mitten im pulsierenden Leben Berlins zu landen.

Aber trotz aller Kritik im Detail – die Deutsche Bahn AG ist ein Unternehmen, das seit dem Mauerfall in Berlin nachhaltig investiert hat und deshalb hier rasante Zuwachsraten verzeichnet. Während zum Beispiel Anfang der 1990er täglich nur vier D-Zug-Paare nach Frankfurt am Main angeboten wurden, sind es heute etwa 20 ICE- und IC-Züge. Nach Hamburg und Hannover wurde der Flugverkehr inzwischen komplett eingestellt. Die Bahn ist auf diesen Strecken einfach attraktiver als das Flugzeug! Berlin und Brandenburg ergänzen den Fernverkehr durch ein umfassendes Angebot an Regionalzügen.

Der Senat hat es sich zum Ziel gesetzt, die Bahn zu stärken – sie ist ein sicheres, umweltfreundliches Verkehrsmittel. Berlin soll sich dabei noch stärker zu einer Eisenbahn-Metropole entwickeln. Dass die Schiene attraktiv sein kann, beweist Berlin wie keine andere deutsche Stadt: Sehr viele Berliner verzichten auf den Kauf eines Autos, denn das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs (insbesondere auf der Schiene) und die immer attraktiveren Bedingungen für den Fahrradverkehr bieten echte Alternativen. Auf 1000 Einwohner kommen deshalb in Berlin nur 326 Pkws.

Berlin ist also sowohl deutscher Nahverkehrsspitzenreiter als auch herausragender Standort der DB. Deshalb freue ich mich gemeinsam mit der Bahn, dass zum Sommer 2006 eine neue, viergleisige Nord-Süd-Verbindung in Betrieb geht und der architektonisch beeindruckende Hauptbahnhof eröffnet wird: Berlin zeigt, dass es ein europäisches Verkehrszentrum ist.

Der Hauptbahnhof als Fernbahnhof ist daher kein „Planungsfehler“, sondern ein wichtiger Umsteigebahnhof, der seinesgleichen sucht.

Mit freundlichen Grüßen

Ingeborg Junge-Reyer (SPD),

Senatorin für Stadtentwicklung in Berlin

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