Leserbriefe : Hilfe, von oben verordnet

„Toter Säugling: Haftbefehl gegen die Eltern" vom 25. Januar

Die Meldung an sich schockt dieser Tage ja leider nicht mehr richtig - zu häufig liest man in letzter Zeit von Eltern, die ihre Kinder misshandeln, vernachlässigen, verwahrlosen, alleine, verhungern, verdursten lassen und ähnlich schlimme Dinge tun. Schlimm im vorliegenden Artikel ist die Tatsache, dass es sich um einen sieben Wochen alten Säugling handelt.

Aber ganz schlimm finde ich den Inhalt des letzten Absatzes des Beitrags: Sie berichten, dass das Abgeordnetenhaus (immerhin) die Einführung eines „verbindlichen Einladungssystems" für Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt beschlossen hat - was immer das konkret heißen mag, denn: Sie berichten weiter, dass ein CDU-Antrag, der diese Untersuchungen verpflichtend machen will, abgelehnt wurde. Begründung: es gibt rechtliche Bedenken, da diese Verpflichtung einen Eingriff in das Erziehungsrecht darstellen könnte. Bitte??? Dass diese Verpflichtung Teil eines von allen Seiten geforderten Frühwarnsystems sein könnte, scheinen die ablehnenden Parteien zu übersehen. Und dass jedes Kind ein Recht auf Leben und Unversehrtheit hat, scheint auch eher sekundär. Für alles und jedes muss man in Deutschland Scheine und Prüfungen und Nachweise machen und erbringen. Nur für die Kindererziehung reicht allein die Tatsache, dass man zeugungsfähig ist (ist ja auch eine Befähigung...) - nur scheint es offensichtlich nicht in allen Fällen auszureichen. Ich plädiere wohlweislich nicht für eine Verstaatlichung des Privaten und möchte keinesfalls, dass der Staat sich in alles einmischt und alles reguliert.

Dennoch zeigen diese Fälle doch, dass viele Menschen mit der Aufgabe, Kindern ein lebensfähiges Umfeld zu bieten und sie in Gesundheit, Schutz und Geborgenheit aufzuziehen, schlichtweg überfordert sind und sehr wohl Hilfe benötigen. Und da Hilfe nicht unbedingt nachgefragt und eingefordert wird, muss sie in diesem Fall eben verordnet werden. Die Verpflichtung zu Vorsorgeuntersuchungen kann ja wohl nicht als Einschränkung meiner Erziehungsrechte gesehen werden, im Gegenteil, manche Eltern sind vielleicht sogar dankbar, wenn ihnen klar aufgezeigt wird, was sie tun müssen - und was nicht.

Frauke Solberg, Berlin-Mitte

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