Leserbriefe : Höllen auf Erden

„90 Jahre 1919 / Die Linke und das

dritte L“ von Tissy Bruns vom 11. Januar

„Das alljährliche Bild der Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen kann man als Folklore abhaken“, schreibt Frau Bruns. Dann würde ich gerne das alljährliche Pfingstspektakel, das Erika Steinbach mit einer treuen Schar ewiggestriger lebender Fossilien abzieht, auch als Folklore abhaken – oder was? Das berühmte Luxemburg-Zitat von der Freiheit der Andersdenkenden kann man auch ein wenig aus dem Zeitgeist jener Jahre heraus interpretieren: Luxemburg war gebürtige Polin; ihr Vaterland litt fast 130 Jahre lang unter der Knute russischer Zaren. Dort galt eines der beiden Diktatur-Prinzipien: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer gegen den Zaren war, landete in einer sibirischen Strafkolonie. Stalin musste diese Lager später nicht erst neu erfinden.

Wieder O-Ton Frau Bruns: „Sozialisten und Kommunisten haben bewiesen, das die Hölle auf Erden schafft, wer ein irdisches Paradies verspricht.“ Aus diesen Worten spricht blanker Hass auf alles, was einmal und vor allem in Deutschland real-sozialistisch war.

Ich bin 1989 aus der o. g. „Hölle auf Erden“ entwichen und am 14. November erstmals in meinem Leben nach West-Berlin gepilgert, zu Fuß. Mein erster und leider bis heute bleibender Eindruck war: Ein anderes Land, und man spricht zufällig Deutsch! Dass dieser Eindruck bleibt, ist nicht mein Verschulden. Vielleicht hätten wir in der DDR den Sprung in Demokratie, Freiheit und EU auch allein geschafft – ohne Solidarpakt, Entwicklungshelfer mit Buschzulage und Treuhand? Unsere östlichen Nachbarn haben das jedenfalls gekonnt.

Ich bin es allmählich leid, täglich und vor allem in diesem Jahr 20 des Mauerfalls damit konfrontiert zu werden, dass wir im Osten Deutschlands Menschen zweiter Klasse sind und es wohl auch weiterhin sein werden.

Meine Hölle auf Erden war jedenfalls nicht die DDR, sondern der Hungerwinter 1946. Aber die geistigen Nachfahren jener, die uns dieses Elend mal eingebrockt haben, dürfen als NPD, Reps oder DVU frei in Deutschland herumlaufen. Sie zu verbieten,traut man sich nicht. Sie sind aber auch „Andersdenkende“ und werden vom Luxemburg-Zitat nicht ausgeklammert. Einer der geistigen Väter von Rosa Luxemburg, Friedrich Engels, prägte einen etwas anderen Spruch: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.“ Darüber darf mal nachgedacht werden.

Gottfried Vogel, Teltow

„Die Legende von Karl und Rosa / Auch heute, 90 Jahre später, hallen die Schüsse auf Liebknecht und Luxemburg noch nach. Eine Wunde, die sich nicht schließen will. Besonders schwer tut sich die SPD damit: Wie weit war ihre Führung in die Morde verstrickt?“ von Uwe Soukup vom 11. Januar

Schön, dass der Tagesspiegel dieser Sicht Raum gibt. Allerdings glaube ich nicht, dass die „Ewiggestrigen“ in der SPD die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit Noske annehmen. Solange sich die Sozialdemokraten da stur stellen, brauchen sie nicht damit zu rechnen, dass sich die Linkspartei schonungslos ihrer DDR-Vergangenheit stellt.

Gysi, Bisky und Co. können immer sagen: Die rechten Sozialdemokraten hatten schon Blut an den Händen, da war an Stasi und Stacheldraht noch nicht zu denken. Vergessen wir auch nicht die Analyse von Sebastian Haffner: „Unter einer sozialdemokratischen Regierung haben die präfaschistischen Kräfte in Deutschland gelernt, Blut zu lecken.“ Zugegeben: damit fertig zu werden, erfordert schon Größe …

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

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