Leserbriefe : Holocaust-Mahnmal komplett abreißen

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„Die Menschen müssen nicht gebeugt

herumlaufen“ vom 21. Juni 2005

Ich habe den Holocaust nicht erfahren müssen. Ich gehöre auch nicht zum Kreis der Besucher, die vor laufender Kamera pflichtgemäß ihre durch das HolocaustMahnmal ausgelöste Betroffenheit dokumentieren müssen. Mein Unmut, meine Sprachlosigkeit richtet sich weniger gegen Kinder, Jugendliche und Touristen, die das Mahnmal heute besuchen, sondern gegen die, die dieses Mahnmal als zentrale deutsche Gedenkstätte für den Holocaust so projektiert und durchgesetzt haben und damit den Besuchern die Möglichkeit geben, ihre Spiel-, Turn- und Fotofreudigkeit auszuleben.

Was sollen wir denn zukünftig noch sagen und tun, wenn Peter Eisenman sich über die „fröhliche Atmosphäre“ in einem deutschen Holocaust-Mahnmal freut? Wenn er dort tagsüber ein Ballett tanzen lassen will? Wenn man, wie er meint, für Kontemplation abends kommen oder in den Keller (Ort der Information) gehen muss? Ich stelle mir vor, es gibt nirgends einen Hinweis auf die Bedeutung des Stelenfeldes. Wer will es dann Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen verübeln, wenn sie im Stelenfeld lediglich eine architektonisch attraktiv gestaltete Einladung zum Spielen, Grillen, Turnen, Tanzen und Fotografieren sehen? Die Beliebigkeit der Gestaltung eröffnet den Deutschen eine neue Beliebigkeit des Umgangs mit dem Holocaust! Ich weiß nicht, wie man für heute und die Zukunft in Deutschland ein mehrheitlich akzeptiertes HolocaustMahnmal konzipieren und gestalten muss. Ein Ort der „fröhlichen Atmosphäre“, der beliebig offenen Nutzung kann es aber wohl nicht sein.

Vorschlag: Alles abreißen. Statt dessen eine leere Fläche als Zeichen dafür, dass man in Berlin den zentralen Gedanken an den Holocaust inhaltlich und künstlerisch nicht füllen kann. Eventuell mitten in die leere Fläche ein von Eisenman künstlerisch gestalteter hohler Zahn – von innen beleuchtet, mit einer Äonen überdauernden Widmung für Lea Rosh.

Peter Noll, Berlin-Steglitz

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