Leserbriefe : HOLOCAUST-MAHNMAL Was sind jüdische Witze?

Unser Leser Wolfgang Wehmeyer meint, sie sind bitterer als die anderer Völker Für Rafael Seligman ist Humor eine Geheimwaffe des Intellekts gegen die Furcht

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Zu: „Eisenmans Judenwitz“ vom 7. März und „Kein Ende der Konflikte ums Holocaust-Mahnmal“ vom 9. März 2004

Innerhalb des Kuratoriums der Holocaust-Stiftung zeigt man sich konsterniert, weil der Architekt Peter Eisenman einen „Witz“ seines jüdischen Zahnarztes erwähnt, der ihn fragte: „Wissen Sie, dass Sie Degussa im Mund haben?“

Salcia Landmann vermerkt in ihrem Buch „Jüdische Witze“ eingangs, dass der jüdische Witz tiefer, bitterer und schärfer ist, als der Witz anderer Völker. Sie sagt: „Es gab – zumal in der Neuzeit – Situationen, die von den Juden seelisch und geistig überhaupt nur mit Hilfe ihres Witzes bewältigt werden konnten.“ Hierzu zählten nicht zuletzt zynische Witze – oft ein Ergebnis der Bitterkeit jüdischen Schicksals. Das Gespür für eine derartige Bewusstseinslage scheint bei manchen der Kuratoriumsmitglieder zu fehlen.

Alexander Brenner und Lea Rosh sei empfohlen, in der Autobiographie des früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Igantz Bubis, nachzulesen, wie er in den Jahren 1950 bis 1953 Barrengold als Kurier einer Firma, an der er beteiligt gewesen ist, transportiert hat. Die Lieferungen gingen überwiegend an die Degussa.

Herr Bubis erwähnt, dass das von seiner Firma in München übernommene Gold vermutlich illegal aus der Schweiz kam. Mir scheint nun, dass hinsichtlich der freimütigen Eröffnungen des Herrn Bubis, durchaus eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass der jüdische Zahnarzt in New York, ohne es zu ahnen, gegenüber Herrn Peter Eisenman lediglich ein makabres Faktum erwähnt hat, wenn er bemerkt: „Wissen Sie, dass Sie Degussa im Mund haben?“

Wolfgang Wehmeyer, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Wehmeyer,

Der junge Psychiater Dr. Sigmund Freud war in einer Heilanstalt, damals schlicht Irrenhaus genannt, tätig. In der gleichen Klinik versuchten seinerzeit Ärzte und Pfleger einen besonders rabiaten Patienten zu bändigen. Umsonst, der bärenstarke Mann tobte und schlug wild um sich und vermöbelte das Pflegepersonal. Vergeblich wollte man ihn in eine Zwangsjacke zu stecken. Als alle Versuche im Guten wie im Gewalttätigen vergeblich blieben, zog man den eigenwilligen Dr. Freud hinzu.

Der redete nicht lange herum, sondern begab sich trotz eindringlicher Warnungen in die Zelle des Tobsüchtigen. Freud ließ sogar die Tür verschließen. Die Kollegen und Pfleger warteten gespannt. Man war auf das Schlimmste gefasst. Doch aus dem Zimmer drang kein Laut. Endlich nach mehr als einer Stunde öffnet sich die Zellentür. Man sieht den Patienten Freud freundlich die Hand drücken und vernimmt dessen guten Wünsche und ein leutseliges "Pfiad Ehna Gott, Herr Doktor". Die Tür wird sachte geschlossen.

Ungläubiges Staunen unter den Kollegen. Dann endlich die Frage: "Wie haben Sie denn diesen Maniak sedieren können? Wir haben uns doch alle vergeblich bemüht!"

Ein Lächeln lässt Freuds Züge aufleuchten: "Was versteht ein Goj schon von meschugge?"

Und was versteht ein Goj schon von jüdischem Humor? Wobei Goj kein Synonym für Nichtjude ist. Der Begriff steht vielmehr für eine dumpfe, unflexible Geisteshaltung. Heute kann diese auch als "politische Korrektheit" beschrieben werden. Also eine Einstellung, die als Denkschablone Verhalten zu beurteilen, tatsächlich aber zu zensieren sucht. Auf eine kurze Formel gebracht, könnte man sagen: "Politische Korrektheit = Fallbeil des Ungeistes."

Denn was ist Humor? Eine Geheimwaffe des Intellekts, um der Furcht zu begegnen. Nun sind die Juden keine Monopolisten des Schreckens. Ängstigen ist menschlich. Denn als einziges Tier wissen wir, dass wir sterben müssen. Das sorgt für unsere Grundangst. Für den Rest sorgen wir und unsere Artgenossen, durch das Leid und den Schrecken, den wir gegenüber unseren Mitmenschen verbreiten.

Der Völkermord, sprachtarnend Holocaust geheißen, flößt uns den meisten Schrecken ein. Nicht nur Juden, sondern jedem mitfühlenden Menschen. Witze sind ein probates Mittel diese Angst zu dämpfen.

Wer sich hier als Zensor aufspielt, besitzt keinen Humor. Schlimmer noch, er outet sich als Goj. Als dumpfer, selbstgerechter Geselle oder Gesellin. Einerlei, ob er oder sie Jüdin, Christin, Muselmännin ist. Dumpfdreist bleiben die Herrschaften allemal.

Rafael Seligmann lebt als Publizist und Schriftsteller in Berlin. Soeben erschien sein Buch: "Hitler. Die Deutschen und ihr Führer." Sein nächstes hat "Jüdische Witze" zum Inhalt.

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