Leserbriefe : Holocaust-Mahnmal wird zur Touristen-Attraktion – mehr nicht?

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„Leben zwischen den Stelen“

vom 13. Mai 2005

Vielleicht, wenn die Menschen es annehmen, ist das Mahnmal doch ganz gut. Schwieriger sind die einweihenden Veranstaltungen, die Reden, das politische Holocaustgedenken (in Verbindung mit der Inflation von Veranstaltungen zum 8.Mai). Dabei wurde, soviel ich weiß, kein unkorrektes Wort gesprochen. Aber das ist es eben: Das Ritual des Schuldeingeständnisses, die Liturgie des Gedenkens, das läuft wie geschmiert und wird für die politische Klasse zum pseudoreligiösen Akt, der regelmäßig in der Formel gipfelt, man wolle, könne und dürfe „keinen Schlussstrich ziehen“. Die Welt klatscht Beifall, die Selbstrechtfertigung ist gelungen. Gerade indem man sagt, man könne es nicht rechtfertigen, wird das rechtfertigende Zauberwort gesprochen!

Das ist schlecht für das Gedenken an die damaligen Opfer, denn es geht nicht wirklich um sie.

Martin Gestrich, Pfarrer, Päwesin

„Empörung über Lea Rosh“

vom 12. Mai 2005

Es mag wohl eine Ironie des Schicksals sein, dass Gigantomanie und schon krankhaft zu nennender Geltungsdrang zu einem Zeitpunkt unsere Stadt in Form dieses Rosh-Initiativmals heimsuchen, wo uns gleichzeitig in einer aufwendigen Spielfilmdoku vor Augen geführt wird, was Berlins Zentrum seitens Hitlers und seines Architekten erspart geblieben ist.

Wer derart lauthals die Schande seiner Geschichte zelebriert, ist mir äußerst suspekt. Cui bono? Ehrliches und natürliches Schamgefühl stehen doch in krassem Gegensatz zu solch einer exibitionistisch zu nennenden Nabelschau.

Es sagt doch schon alles, dass die Einweihung des Rosh-Mals unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter starkem Polizeischutz stattfand. Eben, weil es ohne öffentliche Akzeptanz durchgezogen wurde.

Natürlich wird dieser Betonkomplex gut besucht werden. Insbesondere Touristenströme werden ihn als Attraktion durchziehen. Aus purer Neugier, weil Gigantisches immer die voyeuristische Seite des Menschen anspricht. Und man wird uns das dann als Erfolg verkaufen. Ein sehr fragwürdiger Erfolg, wenn Sie mich fragen. Jedenfalls keiner im Sinne einer Gedenkstätte.

Hygo B.Behrens, Berlin-Spandau

„Symbol für Unfasslichkeit des Verbrechens“ vom 11. Mai 2005

Erinnert muss werden, es darf nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen werden, wie es etwa Martin Walser in seiner unseligen Rede gefordert hat. Das ergibt sich allein aus persönlichen Erlebnissen. Dem Regisseur Imo Moszkowicz, der die Hölle von Auschwitz erlebt hat, ist es unerträglich, wenn man ihm ein Drehbuch oder Exposé in violettem Umschlag vorlegt, er musste als junger Mann die Leichen aus dem elektrischen Zaun des Lagers herauslösen, und sie waren violett angelaufen. Hans Rosenthal, der beliebteste jüdische Deutsche nach dem Krieg, wanderte nicht aus, war glücklich in Deutschland und blieb in fast jeder Lebenssituation gelassen, wurde aber doch gereizt, wenn man – in völlig anderem Zusammenhang – das Wort „selektieren“ erwähnte. Wenn man Hanns-Peter Herz, früher Chef der Senatskanzlei in Berlin, arglos erzählte, man sei mit dem Sportflugzeug auf dem früheren Militärflugplatz Zerbst bei Magdeburg gelandet, erwähnte er trocken, er habe diesen Flugplatz 1944 als Zwangsarbeiter mit erbauen müssen. Das alles muss weiter vermittelt werden, den ersehnten „Schlussstrich“ darf es nicht geben.

Ob das gerade eröffnete, schwer definierbare Mahnmal ideal dafür ist, bezweifle ich. Das einfache, unaufwendige, aber für mich sinnvollste und weitaus ergreifendere Mahnmal überhaupt, das man nicht erst betreten und besichtigen muss, sondern das man im Alltag ohnehin immer wieder passiert, ist das Bayerische Viertel in Schöneberg mit seinen vielen Tafeln, auf denen es etwa heißt: Juden werden aus Gesangsvereinen ausgeschlossen. Juden müssen ihre Rundfunkgeräte abliefern. Badeverbot für Juden im Strandbad Wannsee. Oder, vor der Deportation: Die Puderdose soll ein kleines Andenken für Dich persönlich sein …

Diese Gedenkstätte macht klar, wie die Juden im Dritten Reich zunehmend drangsaliert wurden, bis in den Tod. Aber diese Gedenkstätte ist ja unauffällig, nicht spektakulär, nicht teuer, nicht umstritten, nicht künstlerisch gestaltet, nicht pompös und nicht von attraktiven Kontroversen begleitet. Mich berührt sie täglich.

Über das neue, kalte und undefinierbare Mahnmal bin ich nicht glücklich. Ich hätte an seiner Stelle tausendmal lieber ein Schalom-Theater bevorzugt, in dem die Menschen zusammenkommen.

Horst Pillau, Berlin-Schöneberg

„Porträt Lea Rosh“ vom 10. Mai 2005

Es war wichtig, dass Hermann Rudolph im Zusammenhang mit der feierlichen Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas daran erinnert, dass es ohne Lea Rosh und den von ihr begründeten und geleiteten Förderkreis das Mahnmal nicht gäbe. Widersprechen möchte ich ihm aber bei seiner negativ besetzten Wortwahl.

Wer wie Lea Rosh seit 1988 für ein derartig emotionales, äußerst kontrovers diskutiertes und politisch umstrittenes Projekt leidenschaftlich kämpft, hat es verdient, gerade am Tag der Einweihung des Mahnmals uneingeschränkt geehrt zu werden. Willy Brandt, der sich 1970 als erster deutscher Bundeskanzler mit seinem Kniefall vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau vor den Opfern des Nazi-Regimes verbeugte und symbolisch um Vergebung bat, gehörte 1988 zu den Erstunterzeichnern eines Mahnmals in Berlin: „Unsere Würde gebietet einen unübersehbaren Ausdruck der Erinnerung an die europäischen Juden“. Heute ist diese Vision mitten in Berlin zur Realität geworden – insbesondere durch das unermüdliche Engagement von Lea Rosh.

Günter Jeschonnek, Berlin-Grunewald

„Köhler: Es gibt keinen Schlussstrich“

vom 8. Mai 2005

Große Feier in Deutschland, in Berlin, im Reichstag. Interessiert hörte und sah ich mir diese Gedenkveranstaltung an und wurde bei der Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler immer wütender. Eigentlich vertritt der Präsident jeden Bürger dieses Landes, egal welcher Religion, welcher politischen Ansicht der einzelne ist. Nicht dieser Herr Köhler. Ich musste mir anhören, wie er von der „Sowjetischen Besatzungszone“ sprach, wie schlecht nach dem Faschismus es in dieser „Zone“ gehe, die Menschen verschleppt wurden (in Lager), keinerlei Freiheit hätten, eingesperrt werden mussten, da sie sonst flüchteten usw. Im gleichen Atemzug sprach er von der Bundesrepublik, gemeint der damalige Westen, wo alles richtig gemacht wurde und die Freiheit herrschte. Nicht erwähnt wurde, dass nach dem Krieg noch Nazis in hohen Positionen saßen. Fünf Jahre alt war ich 1945, lernte zu leben im „Osten“, wie im „Westen“ und hoffe, dass die Nachkommen sich nicht von einer einseitigen Sicht beeinflussen lassen.

Waltraud Friederike Rauh,

Berlin-Prenzlauer Berg

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