Leserbriefe : HUNDERT TAGE GESUNDHEITSREFORM Warum müssen Ärzte draufzahlen?

Unser Leser Charles Woyth findet, dass die Krankenkassen Personal abbauen sollten. Der stellvertretende AOK-Chef Rolf Hoberg sagt: Ärzte sollten arbeiten, statt zu klagen

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Zu: „Gute Besserung“ vom 7. April 2004

Die Krankenkassen werden ihren Mitgliedern niemals die Wahrheit über notwendige Leistungseinschränkungen mitteilen. Sie wollen Ihre „Kunden“ nicht vergraulen und weiterhin ihre Funktionärsgehälter von bis zu 221000 Euro im Jahr.

In der Tat wird es nicht mehr Geld im Gesundheitssystem geben. Deshalb ist es völlig egal unter welchem Honorarsystem wir bis zu ein Drittel unserer Leistung unentgeltlich erbringen, obwohl wir weiterhin steigende Praxisunkosten haben.

Ehrlicher wäre eine feste Pauschale pro Patient pro Quartal von ca. 100 Euro. Man könnte dann auch auf viele KV-Funktionäre verzichten, die ihre Zeit mit unnötigen Reformen der Verteilung des nicht mehr ausreichend vorhandenen Honorars verschwenden. Dem Nachwuchs kann man nur empfehlen, eine ärztliche Tätigkeit im europäischen Ausland aufzunehmen, denn etwas Besseres als eine Zukunft in unbefriedigender Selbstausbeutung bei kontinuierlicher Diffamierung und Verunglimpfung unseres Berufsstandes in Deutschland findet er auf jeden Fall.

Dr. med. Charles Woyth,

Arzt für Allgemeinmedizin, Berlin-Wittenau

Sehr geehrter Herr Dr. Woyth,

Ihr Wunsch, pro Kassenpatient pauschal 100 Euro pro Quartal zu bekommen, ist menschlich verständlich. Denn wer würde nicht gern deutlich mehr Geld bekommen, ohne dafür eine überprüfbare Mehrleistung zu erbringen. Aber sollte der Gesetzgeber, der das ja beschließen müsste, ohne jede Gegenleistung entsprechend Ihrem Wunsch Mehrausgaben in Milliardenhöhe beschließen mit der Folge stark steigender Beitragssätze? Bundesregierung, Bundesländer, Bundestag und Länderkammer haben ja das Gesundheitsmodernisierungsgesetz mit außerordentlich großer Mehrheit verabschiedet, um die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenkassen zunächst zu stabilisieren und dann Schritt für Schritt stark abzusenken. Dies soll ja vor allem die Lohnnebenkosten senken, Arbeit in Deutschland also preisgünstiger machen, damit endlich die enorme Arbeitslosigkeit in Deutschland abgebaut werden kann. Unter dieser Arbeitslosigkeit leiden ja die sozialen Sicherungssysteme ganz besonders.

Sie machen es sich also zu einfach, nur nach mehr Geld und weniger Bürokratie zu rufen und nur zu verlangen, dass bei anderen gespart wird, damit Sie mehr in der Tasche haben. Wer wie Sie von der Gemeinschaft der Beitragszahler erheblich mehr Geld will, schuldet Rechenschaft, welche Gegenleistung er dafür zu bringen bereit ist. Engagieren Sie sich zum Beispiel bei den jetzt von der AOK für Ärzte und Patienten angebotenen speziellen Behandlungsprogrammen für chronisch Kranke? Beraten Sie Ihre Patienten besonders gut bei der Verordnung von Arzneimitteln und wählen Sie unter den gleich guten Arzneimitteln zuverlässig das preisgünstigste aus? Hier hätte ich mir von Ihrem Leserbrief mehr Informationen über die Qualität Ihrer ärztlichen Leistungen gewünscht.

Befremdlich finde ich ihre Aufforderung an den ärztlichen Nachwuchs, ins europäische Ausland zu gehen. Ärzte stehen in Deutschland bei jeder Umfrage zum Ansehen an der Spitze. Ihre Patienten bringen ihnen jeden Tag großes Vertrauen entgegen, indem sie Ihrem medizinischen Rat folgen. Ärztlichen Wertmaßstäben entspricht eine solche Aufforderung jedenfalls nicht! Sprechen Sie doch einmal mit einem der vielen Arbeitslosen, die zu Ihnen kommen, weil sie über der vergeblichen Suche nach einem Arbeitsplatz krank geworden sind. Und vergleichen Sie dies Schicksal mit Ihrer gesicherten Einkommenssituation. Die als „unbefriedigende Selbstausbeutung“ zu bezeichnen, dürfte von vielen Menschen im Lande als reiner Hohn verstanden werden.

Dr. Rolf Hoberg ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.

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