Leserbriefe : „ICH BIN EIN STAR – HOLT MICH HIER RAUS!“ Ist im TV-Dschungel alles erlaubt?

Unser Leser Tim Bathen fragt, warum RTL Menschen vor der Kamera demütigen darf. Jugendschützer Joachim von Gottberg findet, dass dies im rechtlichen Rahmen bleibt

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Betrifft: „Faszination des Grauens“ vom 13. Januar 2004

Kürzlich bei „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“ war Daniel Küblböck bei der Dschungelprüfung. Er musste seinen Kopf in einen Helm mit künstlichem Beatmungsschlauch stecken. Dann wurde in diesen Helm Wasser eingelassen. Dieses Gefühl muss wie in einem Horrorfilm gewesen sein und so wirkte es auf den Zuschauer! Menschenunwürdig und demütigend!

Es sollten 15 Aale in diesen Helm eingelassen werden und einige „Überraschungen“. Jeder, der die Show von Anfang an gesehen hat, wusste, dass Daniel eine Spinnenphobie hat. Schon bei der Präsentation ist er in Panik geraten. Zuerst wurden Goldfische in das Wasser gelassen, direkt vor Daniels Gesicht. Durch den Helm sah man in seinen Augen die blanke Angst. Dann wurden drei Wasserspinnen (!) in das Wasser gelassen. Daniel riß seinen Kopf aus dem Helm und lief weinend weg.

Diese Prüfungen sind das menschenunwürdigste, was ich im deutschen Reality-Fernsehen je gesehen habe. Es war eine Unverschämtheit, die man gar nicht in Worte fassen kann, dass Daniel nicht einmal darauf vorbereitet wurde, was ihn in diesem Helm erwartet. Deutschland hat ihn dreimal gewählt. Wollte Deutschland ihn so sehen? Hat ein 18-jähriger junger Mensch, der niemandem etwas getan hat, außer vielleicht mit seiner Art nicht jeden anzusprechen, so etwas verdient? RTL schert sich um nichts als um die Quote.

Tim Bathen, Nürnberg

Sehr geehrter Herr Bathen,

Daniel Küblböck hat sich bei „Deutschland sucht den Superstar“ beworben, um bekannt und als Sänger erfolgreich zu werden. Er hat die Öffentlichkeit gesucht, und er hat mit seinem umstrittenen Talent immerhin einiges erreicht. Als er sich entschied, bei der Sendung „Holt mich hier raus!“ mitzumachen, wusste er, worauf er sich einlässt, dasselbe gilt für die übrigen Teilnehmer. Herr Semmelrogge hat sich entschieden, frühzeitig auszusteigen, das wurde respektiert. Küblböck hat weitergemacht. Dafür kann man ihn bemitleiden oder verspotten, aber es ist seine Entscheidung. Und auch die sollten wir respektieren.

RTL könnte diese Show nicht erfolgreich auf den Sender bringen, wenn sich keine Stars dafür zur Verfügung stellen würden und wenn die Zuschauer so etwas nicht sehen wollten. Das heißt nicht, dass ein Sender alles unternehmen kann, um Quote zu machen. Würden die Teilnehmer zu ihren Aufgaben gezwungen oder wäre ihre Durchführung tatsächlich gefährlich, wäre das Ganze keine Show mehr, sondern eine lebensbedrohliche Zwangsveranstaltung. Damit wären rechtliche Grenzen sicher überschritten.

Aber in der präsentierten Form mag man die Sendung für geschmacklos halten und darüber streiten, ob sie den gebotenen Anstand und gesellschaftliche Tabus überschreitet. Ein solcher Streit ist gut und wichtig, denn vor allem der Tabubruch zwingt uns, über den Sinn von Tabus nachzudenken und sie klar zu definieren. Die Zuschauer haben es in der Hand, zu entscheiden, ob sie sich das Spektakel ansehen wollen oder nicht. Solange die teilnehmenden Stars und das Publikum dabei sind, werden diese und weitere Sendungen wohl kaum zu verhindern sein.

Was die Zuschauer an dieser Sendung fasziniert, ist wohl gerade die Überwindung von Ängsten, zum Beispiel Spinnenphobien, durch die Teilnehmer. Sie fragen sich, wie sie sich selbst unter solchen Bedingungen verhalten würden und ob sie den Mut hätten, den Küblböck trotz seiner Angst immerhin bewiesen hat. Und wahrscheinlich empfinden sie eine gewisse Schadenfreude, dass die Stars mal außerhalb von Fernsehstudios und Partys ums Überleben kämpfen müssen. Und vielleicht bereitet es ihnen eine gewisse Freude, dass sie daran mitwirken konnten, wer die unangenehmen Aufgaben übernehmen musste. Die Lust am vorübergehenden Unglück anderer mag nicht gerade besonders ehrenwert sein, aber sie ist alt und weit verbreitet.

Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ mit Sitz in Berlin.

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