Leserbriefe : Im 68er-Gefühl schwelgen

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„Raus aus dem Herrenzimmer“ vom

16. März 2005

Mit großem Vergnügen las ich den Bericht der geschätzten Kollegin Ulrike Simon über die Zeitschrift „Cicero“, der ich als Autor und Mitglied des Redaktionsbeirates zu Diensten bin. Der Genuss der Lektüre steigerte sich durch die Entdeckung, dass ich mich zusammen mit meinem Freund Heiko Gebhardt von der Verfasserin zum „68er“ ernannt sah.

Ein Mensch in meinen fortgeschrittenen Jahren liest dies gern, weil es ihn um eine halbe Generation verjüngt. Die Glorie meiner Jugend verliert sich nun nicht mehr hinter den Stacheldrahtzäunen der Kriegsgefangenenlager und in den Trümmerbergen, sondern feiert in der Hochstimmung unserer Demonstrationen und Manifestationen, unserer Straßen- und Saalschlachten, unserer Stürme gegen den Mief der tausend Jahre die schönste Renaissance.

Um genau zu sein: Ich habe sogar die „Steckbriefe“ gegen mich selber verfasst, die 1968 auf der Frankfurter Messe plakatiert (und von meiner unerschrockenen Frau abgerissen) worden sind. Auf dem Polizei-Prügelfoto unseres Bundesaußenministers Fischer bin ich, wenn Sie mit der Lupe suchen, schwarz uniformiert, grinsend und mit geballten Fäusten hinten links in der Ecke zu erkennen. Danach trat ich den Marsch durch die Institutionen an, der mich bis in den Redaktionsbeirat von „Cicero“ führte.

Viele der Altgenossen werden ein wenig überrascht sein, mich als ihren heimlichen Mitkämpfer zu entdecken. Frau Simon vermittelte nicht nur mir, sondern auch Danny le Rouge und vielen anderen ein in der Tat überraschendes Hochgefühl. In dem werde ich fürs Erste schwelgen.

Klaus Harpprecht war in den Jahren 1972 bis 1974 Berater und Redenschreiber bei Bundeskanzler Willy Brandt und lebt heute in La Croix-Valmer (Côte d’Azur)

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