Leserbriefe : Immer hinterfragen

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„Sterben dürfen“ von Michael De Ridder vom 4. Mai

Der Artikel bewegte mich tief. Habe ich doch vor wenigen Jahren Ähnliches erlebt beim langen Sterben meiner Mutter. Wenige Tage vor ihrem 93. Geburtstag verstarb sie nach zirka 15-jährigem langen Leiden.

Es begann mit schwerer körperlicher Einschränkung und Rollstuhl zur Fortbewegung, Altersdepressionen bis hin zu Alzheimer (alle Stadien durchlaufend), Gelenkoperationen, Magenkrebs ... Mit 92 Jahren brachten mein Mann und ich sie in ein Pflegeheim, da wir mit 70 Jahren den Strapazen einer intensiven Betreuung und Pflege nicht mehr gewachsen waren. Zirka zwölf Wochen vor ihrem Tode wurde sie mit inneren Blutungen und bewusstlos in ein Krankenhaus eingeliefert. Magenkrebs im Endstadium. Aschfahl und regungslos fanden wir sie im sogenannten Sterbezimmer. Sie schien nichts mehr zu spüren und schlief tief. Wir hofften, dass sie so friedlich hinüberschlafen würde in den Tod, den sie seit mindestens zwölf Jahren täglich herbeigesehnt hatte!

Als wir am nächsten Vormittag ins Krankenhaus kamen, führte man uns in ein Mehrbettzimmer. Sie lag dort, ausgezehrt und müdegelebt: „Warum darf ich nicht endlich sterben?“ Auf meine Frage an den Arzt, was geschehen sei, sagte er: „Wir gaben ihr Blutkonserven. Ihre Mutter ist hier in einem Krankenhaus, und wir erhalten das Leben.“ Ein zweiter Arzt: Wir können sie doch nicht „einfach so“ sterben lassen.

Sie wussten vom Endstadium des Krebses, sie kannten ihr langes Leiden und Alter. Danach lebte meine Mutter noch weitere zwölf Wochen: jeder Tag Qualen ohne Ende. Wenigstens diese nicht enden wollenden qualvollen Wochen hätte ich ihr gern erspart nach den vorangegangenen leidvollen 15 Jahren.

Margot König, Berlin-Wilmersdorf

Dr. De Ridder führt eindrucksvolle Beispiele ärztlichen Fehlverhaltens an, um seine Hauptaussage zu illustrieren. Wer eine Patientin im Finalstadium einer Krebserkrankung reanimiert, die noch dazu eine eindeutige Willenserklärung verfasst hat, handelt sicher falsch und – weil gegen den erklärten Willen der Patientin – unrechtmäßig und unethisch.

Auch wenn ich der Hauptaussage, zum richtigen Zeitpunkt loszulassen und das Sterben zuzulassen, uneingeschränkt zustimme, halte ich die Darstellung für zu einseitig und möchte einige Aspekte ergänzen. Bei allen ärztlichen Maßnahmen ist der Patientenwille ausschlaggebend. Die Meinungen und Hinweise von Angehörigen sind nur insofern von Belang, als sie bei bewusstlosen Personen helfen können, den mutmaßlichen Willen der Patienten zu ermitteln.

Gerade in Akutsituationen, die unverzügliches Handeln erfordern, kann nicht eingeschätzt werden, wie valide die Aussagen der nächsten Angehörigen sind. „Sterben heißt Erben“: Das ist sicher bösartig formuliert, aber dass in solchen Situationen auch Eigeninteressen der Angehörigen eine Rolle spielen, darf nicht unterschlagen werden.

Wir können leider nicht immer davon ausgehen, dass die Beziehungen der Patienten zu ihren nächsten Angehörigen nur von Liebe und Respekt geprägt sind. Patientenverfügungen sind nicht immer die Lösung. Wenn zum Beispiel pauschal verfügt wird: „Keine Behandlung bei Krebs“, dann sollte das sicher hinterfragt und dem Patienten zusätzliche Informationen und Gespräche angeboten werden. Auch das Alter der Patienten kann nur ein Hinweis von vielen sein, wenn es um einen Behandlungsplan geht. In Dr. De Ridders Eingangsbeispiel war der Patient noch vor einem Dreivierteljahr ein „rüstiger alter Herr“ von vielleicht 85 Jahren. Sollte dieser nicht eine Chance bekommen, wenn eine akute bedrohliche Erkrankung auftritt?

Michael Friedrichs, Berlin-Kreuzberg

Ende März wurde ich operiert. Die aufnehmende Ärztin fragte nach einer Patientenverfügung. Ich meinte, ich hätte keine, und sie würde sich ja auch nicht daran halten. Die Ärztin erwiderte: „Richtig, wir wissen ja nicht, wie Sie im Ernstfall entscheiden.“ Ich: „Im Ernstfall könne ich gar nicht entscheiden.“ Die Ärztin schwieg.

Ingrid Resa, Berlin-Lichterfelde

Wer operiert bis zum Verbluten hat als Arzt „alles versucht“, er hat „alles gegeben“ und „alles getan, was in seiner Macht steht“. Nicht nur jede TV-Arztserie lehrt dieses! Derjenige Arzt aber, der Therapien sinnvoll zu begrenzen versucht, um seinem Patienten einen würdigen Tod zu ermöglichen, der macht sich nach wie vor potenziell angreifbarer als der „Alles-Macher“. Gut also, dass es solche Beiträge vom Kollegen De Ridder gibt, der die „Immer-alles-Macher“ hoffentlich zum Denken anregt!

Dr. Nicolai Schaefer, Berlin-Steglitz

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