Leserbriefe : Immer weniger Eltern können Verantwortung für ihre Kinder wahrnehmen

„Betrieb Schule – Bildung ist kein Produkt“ von Hinrich Lühmann vom 28. Oktober

Endlich ein Schulleiter, der vor den Folgen der bürokratischen Reformen seit Pisa warnt: Die neue Schule bildet weniger, erzieht weniger, wird schlechter statt besser.Die neue Schule operiert mit inhaltsleeren „Kompetenzen“ und „Standards“, die unsere differenzierte Lebenswirklichkeit auf das Abprüfbare reduziert. Das klassische Bildungsideal „Non scholae – sed vitae“ wird umgedreht: Die Unterrichtsinhalte dienen nicht mehr der Persönlichkeitsentwicklung des Heranwachsenden, sondern sie werden zum Selbstzweck für die nächste Klassenarbeit oder Klausur. Die Schüler als Subjekte und die inhaltlichen Themen geraten in den Hintergrund, der Unterricht wird zur Nebensache. Der Zeitgeist will, dass Außendarstellung, Schulprofil und Präsentationen in das Zentrum rücken, die Schule soll sich gut „verkaufen“.

Wirklichkeitsferne Bürokraten zwingen unseren Schulen Strukturen aus der Privatwirtschaft auf. Ein Schulleiter als Manager ist vollkommen deplatziert. Wann wird man begreifen, dass wir nichts zu verkaufen, sondern junge Menschen auf ihrem Weg zu mündigen Bürgern zu begleiten haben? Die Schule würde sich aufgeben, wenn nicht mehr die Pädagogik, sondern das Verwertbare, der Output im Mittelpunkt stünde.

Diese verhängnisvolle Entwicklung verringert nicht nur das Bildungsniveau der Schüler, sie erzeugt auch eine frustrierte und ausgebrannte Lehrerschaft, die ständig aufgefordert wird, ihre Erfahrungen auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen und neu anzufangen.

Cornelia und Peter Klepper,

Berlin-Tempelhof

Es ist nicht alles messbar, was bildungsrelevant und damit zukunftsgerichtet ist. Aber was muss heute im globalen Vergleich Bildungsgegenstand sein? Der traditionelle Wissenskanon der Antike bis zur Romantik ist es nicht (mehr). Über den Auftrag der Schule und vor allem eine faire Beschreibung ihrer Möglichkeiten muss gesprochen werden – und dies im Kontext einer Wertediskussion innerhalb der Gesellschaft.

Wenn der Staat die Schule stark machen will, weil er sie braucht, muss endlich Schluss sein mit der Übertragung von Aufgaben, die dem Kerngeschäft des Lehrens und Lernens widersprechen. Und wer Schule mit profitorientierten Serviceeinrichtungen vergleicht, indem die Sprache und das Denken transferiert werden und die Pädagogen zu Servicekräften degradiert werden, hat immer noch nicht verstanden, dass Investitionen im Bildungsbereich konsumptive Kosten sind und sich Schule der Parallelität kapitalistischer Systematik aus sich heraus entzieht. Der Output und Wert lässt sich im Bildungshandeln nur begrenzt messen.

Christoph Schubert, Berlin-Spandau

In einem Land, in dem Lehrer zu „Lernbegleitern“ degradiert werden, kann es mit der Bildung nur bergab gehen.

Gisela und Gero Kunze, Brieselang

Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass Bildung ganz wesentlich die Entfaltung und Stärkung der Persönlichkeit zum Ziel haben muss, wenn sie den übergeordneten Auftrag von Schule in einem demokratischen Gemeinwesen erfüllen soll: verantwortlich handelnde junge Menschen zu erziehen, die zudem in der Lage sind, ihr Handeln an moralischen Kriterien zu messen.

Stattdessen schauen wir heute vorrangig auf die Verwertbarkeit, den Verwendungszweck dessen, was der Schüler zu lernen hat. Gleichzeitig sind die Inhalte von Bildung, auch das tradierte Kulturgut, drittrangig geworden. Kompetenzen sind gefragt, Fähigkeiten, die die Arbeitswelt, vor allem die Wirtschaft benötigt.

Schulen müssen heute genau Rechenschaft ablegen über das, was in ihnen passiert. Das ist ein Fortschritt. Ebenso ist es selbstverständlich, dass sie die von ihnen aufgestellten Ziele in regelmäßigen Abständen überprüfen (lassen). Und dass diese Ziele die Lebenswelt der Jugendlichen mitsamt den Erfordernissen der Arbeitswelt nicht ausklammern dürfen, liegt auf der Hand. Aber leider machen wir gerade im Bildungsbereich immer wieder neu den Fehler, in Extremen zu denken und zu handeln. Warum können wir nicht behutsamer reformieren und dabei Vorhandenes mit einbeziehen? Warum müssen wir bei auftretenden Schwierigkeiten immer alles von Grund auf erneuern, ohne noch genau zu wissen, ob dieses Neue sich auch bewährt?

Immer mehr Eltern sind heute nicht mehr in der Lage, die Verantwortung für ihre Kinder voll wahrzunehmen. Schule könnte gegensteuern, wenn sie sich wieder auf ihren Bildungsauftrag besinnt und Schulpolitik und -verwaltung ihr dabei die nötigen Freiräume gewähren.

Heike Kaack, Schönwalde

Herzlichen Dank für den hervorragenden Aufsatz, der leider, leider keine Folgen haben wird.

Wolfgang Kästner, Berlin-Zehlendorf

Lühmann hat recht, wenn er die Tendenz zu einem verengenden „Teaching to the test“ kritisiert. Er verdächtigt auch zu Recht Politik und Verwaltung, angesichts der besorgniserregenden Pisa-Ergebnisse mit unzureichenden Ressourcen zu Lasten von Schülern und Lehrern Spitzenergebnisse erzwingen zu wollen. Ich störe mich aber an der pauschalen Abwertung aller Methoden und Verfahren, die althergebrachten Traditionen nicht entsprechen. Und erst recht störe ich mich daran, wenn unter der immer gleichen rituellen Berufung auf Humboldt ein verklärendes Bild des Gymnasiums als ein Ort der von Zuwendung und intellektueller Auseinandersetzung jenseits von Raum und Zeit geprägten Bildung zum Gegenentwurf hochstilisiert wird. Dabei gerät dann leicht in Vergessenheit, dass aus diesem Bildungskreis von der 7. Klasse bis zum Abitur ungefähr ein Drittel der Schüler per Probehalbjahr und allfälliger Nichtversetzung mehr oder weniger zartfühlend aus der pädagogischen Provinz entfernt wird. Ich finde, solche „Erfolge“ geben niemandem das Recht, eine Überprüfung der Effizienz seiner Arbeit abzulehnen.

Thomas Isensee,

Berlin-Charlottenburg

Der Autor verdammt alle Ideologen, obwohl er sich auch einer bestimmten Ideologie für seine Behauptungen bedient. Soll aber seine Ideologie die bessere sein, bloß weil der Name Humboldt vornehmer als z. B. Powerpoint klingt? „Learning to the test" ist immerhin ein Lernen, und darum sollte es primär in der Schule gehen. Dagegen ist die überschätzte Orientierung an der Entfaltung der Persönlichkeit der jungen Menschen ein trügerisches und eigentlich nur elitäres Ideal; in der Praxis wird es nur denjenigen helfen, die es am wenigsten brauchen, nämlich den Kindern aus sog. „besserem Haus“. An die vom Bildungsbürgertum nur als störend empfundene Entfaltung der Persönlichkeit von Kindern auch aus „bildungsfernen Schichten“ ist dabei offensichtlich nicht gedacht.

Panos Alevizakis, Berlin-Hermsdorf

Vielen Dank für die Beschreibung der alltäglichen Widersprüche zwischen politischer Hochglanzrhetorik und rauher Wirklichkeit. Vieles davon ließe sich direkt auf die Universitäten übertragen, welche ebenfalls versuchen, zwischen ungebremsten Sparmaßnahmen, trivialökonomischer Kennzahlenfixierung und wachsender Bürokratisierung ihrer Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen gerecht zu werden.

Prof. Dr. Ralf Kornhuber,

Berlin-Tempelhof

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