Leserbriefe : Infam, widerwärtig, geschmacklos, einseitig, dumm, borniert, undifferenziert, antisemitisch...

Zur Berichterstattung über den Krieg

zwischen Israel und der Hamas und die Karikatur von Klaus Stuttmann auf der Leserbriefseite vom 5.Januar

Mit Erstaunen nehme ich zu Kenntnis, dass in der letzten Leserbriefwiedergabe kein einziger Brief zum Nahostkonflikt gedruckt wurde. In Anbetracht des aktuellen mörderischen Konfliktes kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es zu diesem Thema keine kritische Meinung gibt. Ich möchte mir auch nicht vorstellen, dass die Leserbriefredaktion hier eine politische Selektion vornimmt. Ich muss gestehen, dass ich gefühlsmässig diese Brutalität der israelischen Militärs, die uns allabendlich trotz israelischer Zensur gezeigt werden, nicht einfach übergehen kann. Die eingesperrten Menschen, die keine Chance haben zu fliehen. Die vielen getöteten Kinder, die nie eine Chance hatten in Ihrem Leben. Das Ganze nennt sich Krieg gegen die Hamas! Es ist auch einfach lächerlich, wenn unsere Kanzlerin dann auch noch einseitig für Israel Partei ergreift im Gegensatz zu Ihren EU-Kollegen.

Dieter Ohm, Berlin-Lichterfelde

Israel ist erneut verantwortlich für einen Krieg im Nahen Osten. Die Bundesregierung muß Israel auffordern, den völkerrechtswidrigen Krieg zu beenden und klar machen, daß ohne solche Schritte wirtschaftliche Sanktionen umgesetzt werden. Alle Rüstungslieferungen nach Israel verbieten sich von selbst, doch jahrelang wurden zum Beispiel für Panzer entsprechende deutsche Teile geliefert. Bis jetzt verhält sich Außenminister Steinmeier nur anbiedernd und konzeptionslos gegenüber der israelischen Regierung. Kriegsverbrechen muß man Kriegsverbrechen nennen, auch israelische. Man sollte sich auch mal die Frage stellen, warum die Hamas soviel Zuspruch in der Bevölkerung Palästinas hat. Israel verfügte über das dichtbevölkerte Gaza eine permanente wirtschaftliche Blockade. Ich kann die Gewalt mit den tückischen Spielzeugraketen der Hamas nicht gutheißen, aber ich kann sie mehr und mehr nachvollziehen. Israel hat die Palästinenser an den Rand ihrer Existenz gedrückt und versucht die daraus resultierenden Probleme mit militaristischen Konzepten zu lösen. Durch eine solche Kriegspolitik stellt man sich außerhalb der Weltgemeinschaft. Frieden und Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit gegenüber den Palästinensern einschließt, nur das kann eine Lösung bringen, sofern überhaupt eine Lösung möglich ist. Zunächst muß ein Waffenstillstand erzwungen werden. Ich habe Sorge, dass Israel und die damit verbundenen Konflikte eines Tages einen Weltkrieg auslösen könnten. Die illegalen Atomsprengköpfe Israels und womöglich auch irgendwann die im Iran, schnell können da Dinge geschehen, die am Ende niemand mehr rückgängig machen kann.

Marko Ferst, Gosen

Die Karikatur finde ich infam und skandalös! Die Karikatur unterstellt die absichtsvolle Tötung von Kindern im Gaza-Streifen durch die israelische Armee. Tatsächlich hat die israelische Armee vor ihrem vollkommen berechtigten Angriff auf die Raketenstellungen und die Rädelsführer der Hamas die Bevölkerung der Zielgebiete per Radio, Flugblattabwurf, SMS und Telefonanruf tagelang vorher gewarnt. Wenn die Hamas-Krieger samt ihren Abschußeinrichtungen sich trotzdem weiterhin unter der Zivilbevölkerung verkriechen und diese per Propaganda oder Zwang am Fortgehen hindern, so gehen sämtliche Todesopfer auf ihre Rechnung. Die Hamas kalkuliert zivile Opfer zynisch ein oder wünscht sie geradezu herbei, um sie propagandistisch zu instrumentalisieren. Die Karikatur hat mich spontan an die Ritualmordlügen vergangener Jahrhunderte denken lassen, als den Juden unterstellt wurde, sie töteten Christenkinder zu kultischen Zwecken.

Jürgen Simoleit, Hamburg

Ihre Karikatur trifft den Berliner Leser emotional an einer empfindlichen Stelle. Das Foto vom 17. Juni 1953 - ein Panzer in der Ruinenstadt Berlin gegen unbewaffnete Arbeiter - ist in unserem kollektiven Bildergedächtnis verankert. Ich bin ein großer Fan Ihres gezeichneten Zynismus. Sie setzen ein großes Maß an Wissen beim Leser voraus. Oft bleibt mir das Lachen im Halse stecken, wenn Sie mal wieder auf die Kacke hauen gegen das politisch so korrekte Denken. Sie sind ein kompromissloser Verfechter der Meinungsfreiheit, das soll auch so bleiben. Gäbe es nicht Ihre Zeichnungen und Statements zu den fanatischen Männern, Frauen und so genannten Kindersoldaten auf der Seite der Gotteskrieger, würde ich Sie wegen der „Israel wehrt sich“ Karikatur kritisieren. Diese Zeichnung ist sehr einseitig; sie verschweigt den Grund, warum Israel Panzer einsetzt. Und mit toten Kindern sollten Sie meiner Meinung nach keine Scherze machen. Aber, hier mein Aber: Die viel zitierte Ausgewogenheit des Mediums muss nicht in einem Bild zu erkennen sein. Ich sehe eine Ausgewogenheit in Ihre Veröffentlichungen über einen längeren (überschaubaren) Zeitraum. Klar, bei dieser Karikatur habe ich Bauchschmerzen, doch die vergehen, weil die Meinungsfreiheit eines der kostbarsten Güter in dieser Medienlandschaft ist, die wir verteidigen müssen. Ich gehe mal davon aus, dass Sie mit Ihrem Scharfsinn bei nächster Gelegenheit die Raketenangriffe der Hamas auf Israels Kindergärten - mit seinen ebenso menschenverachtenden, tödlichen Folgen - zeichnerisch überhöht anprangern werden. Ich bin gespannt. Dann steht die Meinungsfreiheit erneut auf dem Prüfstand.

Fritz Zimmermann, Berlin-Mitte

Diese Karikatur finde ich widerwärtig. Was ist dem Macher wohl dabei an unverarbeitetem Nazi-Mist durch den Kopf gegangen? Der „Stürmer“ hätte es nicht besser hingekriegt! Der eigentliche Skandal ist doch, dass die Redaktion des „Tagesspiegel“ so was durchgehen ließ... Ist sie wirklich der Ansicht, die Kriegspropaganda des Iran, der Hisbollah und der Hamas, die die israelische Politik und den Krieg gegen die Hamas mit dem Holocaust gleichsetzt, gebe die Realität wieder? Wie können Sie dermaßen dumme, bornierte, Hass auf Israel schürende, geschmacklose Witzchen in Ihrer Zeitung zulassen? Empört und angewidert.

C. Jellinek, Berlin-Neukölln

Die Karikatur trifft ins Zentrum eines echten Problems: Wer sich mit Gewalt durchsetzt und dabei zivile Opfer in Kauf nimmt, gerät leicht in die ideologische Gefahr, immer weitere Opfer rechtfertigen zu müssen mit der Angst vor deren Rache. Das umso mehr, je wütender er darauf bedacht ist, positiv ausgerechnet von denen dargestellt zu werden, die doch den Schaden von seiner Durchsetzung haben. Dieses Naturgesetz menschlichen Kriegsverhaltens ist der Wahrheitsgehalt des inzwischen schon sehr viel kritisierten Bildes. Leider setzen sich um solche Wahrheitsgehalte praktisch immer furchtbare Verlockungen zu ideologischer Aufladung, und immer wird ein Kontext auf eine Weise ausgeblendet, die schwer verletzend wirkt. In diesem Fall ist es eben so, dass nicht harmlos spielende Kinder eine israelische Reaktion erforderlich gemacht haben, sondern eine wohlorganisierte Vereinigung von religiösen Fundamentalisten und Terroristen, die einen Staat beseitigen wollen und unablässig gewaltsame Angriffe gegen seine Zivilbevölkerung richten. Das Elend der Zivilbevölkerung in Gaza wird von dieser Vereinigung und ihren Unterstützern seit der Existenz der Flüchtlingslager nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern durch die arabische Seite der Blockaden künstlich aufrechterhalten und als Mittel zur Anklage gegen Israel inszeniert. Die Karikatur macht sich mit dieser Inszenierung gemein und suggeriert durch ihren Titel eine strukturelle Gleichheit zwischen antisemitischen Aktionen während der NS-Zeit und dem israelischen Einmarsch in Gaza. Sie tut das vermutlich auf der Grundlage einer eigenen deutschen Verleugnung: Wir, die „Erben“ des Naziregimes, haben das unverdiente Privileg, in Ruhe und Sicherheit zu leben. Es ist uns unangenehm, dass die Nachfahren der Opfer unserer Vorfahren immer wieder auf zweifelhafte Mittel zurückgreifen müssen, um sich in der Gegend, in der sie Zuflucht gesucht haben, zu halten. Darum springen wir besonders gern an, wenn es mal so aussieht, als wären sie jetzt richtig böse. Aufklärung über die eigenen Motive bei emotionalen Reaktionen ist eine mühselige Sache. Wenn man das weiß, appelliert man vielleicht nicht so leichtfertig ausgerechnet an die niedersten Instinkte, um eine im Grundsatz nicht ganz falsche Einsicht oder Botschaft zu übermitteln.

Dr. Gesine Palmer, DIG Berlin Potsdam Vorstand, Berlin-Schöneberg

Mit der zum Teil großen Bandbreite der Meinungen in der Zeitung komme ich gut klar und das macht auch mit die Stärke des Tagesspiegels aus. Dass Ihr Karikaturist Stuttmann die Welt seit Jahren völlig ausschließlich durch eine Brille sieht, die irgendwo zwischen Lafontaine und dem Weltbild des Neuen Deutschlands zu DDR-Zeiten angesiedelt ist, ist in Maßen auch tolerierbar. Die heutige Karikatur nun, die unterstellt, Israel würde bei dem Nahost-Konflikt vorsätzlich und gezielt Kinder umbringen, bringt aber nun das Fass zum Überlaufen. Das Maß des Erträglichen für Menschen mit einem etwas differenzierteren Weltbild ist hier einfach überschritten, auch dann, wenn Karikaturen immer eine Form der Zuspitzung darstellen. Es wäre schön, wenn auch in dem Bereich der politischen Karikatur die Vielfalt an Weltbildern zum Tragen kommen könnte, die den Tagesspiegel auch in anderen Bereichen auszeichnet.

Dr. Stefan Kleßmann,

Berlin-Charlottenburg

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