Leserbriefe : Israels Politik wird härter

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Betrifft: „Tel Aviv liegt in Europa“ vom 28. Januar und „Das Feindbild Israel“ vom 1. Februar 2004

Im Zuge des um sich greifenden Antisemitismus entwickelt sich Herr Wergin zu einem leidenschaftlichen Anwalt des Staates Israel. Er verlangt nicht nur: Israel muss in die EU und in die Nato, sondern bejammert, dass dieses Land, bekämen die Palästinenser eines Tages einen eigenen Staat, an manchen Stellen nicht breiter sein würde als 20 bis 30 km (dass über eine Million Menschen im Gazastreifen unter miserablen Umständen zusammengepfercht leben, verdient keine Erwähnung).

Über so einen schlanken Staat kommen einem gleich die Tränen. Darüber, dass dieser Staat seit einem halben Jahrhundert ein ganzes Volk versklavt, ihm jede Lebensgrundlage entzieht und eine Strategie verfolgt, die darauf zielt, aus diesem Volk ein Heer von billigen Arbeitskräften zu machen und für diesen Zweck am liebsten Schulen schließen lassen würde (wozu sollen Bauern und Bauarbeiter ja auch lesen und schreiben lernen?), der Menschen ummauert und sie voneinander trennt; ein Staat, dessen Soldaten, angewidert von den Unmenschlichkeiten, die sie tagtäglich in den besetzten Gebieten erleben, sogar den Dienst verweigern, von all dem erfährt man bei Herrn Wergin nichts. Stattdessen recherchiert er über Antisemitismus in der arabischen Welt, der bekanntlich vorhanden ist und, nicht zuletzt wegen der israelischen Politik, an Schärfe zunimmt. Über dieses Thema könnte Herr Wergin täglich einen Artikel schreiben.

Fernsehserienschüren den Hass unter den Völkern und halten ihn lebendig. Sie sind aber auch ein Zeichen der Schwäche und ein Armutszeugnis für die Länder, die sie produzieren; eine Ersatzbefriedigung ihrer Hilflosigkeit. Man würde ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen, käme eines Tages eine vernünftige, friedliche Lösung des Konflikts zustande. Genau das aber versucht Herr Scharon mit allen Mitteln zu verhindern. Er scheut keine Kosten, um die Siedler, die in ihrer Radikalität mit den Islamisten auf der gleichen Stufe stehen, zu schützen.

Zacharias Amer, Berlin-Kreuzberg

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