Leserbriefe : Ist das Holocaust-Mahnmal eine Fehlkonstruktion?

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„Denkmalstiftung gegen mehr Kontrolle“

vom 18. Mai 2005

Es war richtig, ein Denkmal für die ermordeten Juden zu errichten. Es war richtig, dieses auf dem Gelände der ehemaligen Reichskanzlei zu errichten.

Das Ergebnis jedoch wird zeigen:

Es ist nicht respektwürdig oder hat keine Ausstrahlung für den einfachen Bürger. Nur all die Großen der Politik und Kultur werden es weiterhin großartig finden müssen.

Dieses Denkmal wird ein Spielfeld nicht nur für Kinder, die von Stele zu Stele springen, sondern ein Dorado für Sprayer, die sprayen, für Schmierer, die schmieren, für Pinkler, die pinkeln und für Hunde, die das Bein heben werden. Der Dumme wird Berlin sein, weil der Begriff von Sauberkeit und Respekt vor der Geschichte nicht gelehrt wird. Ich bin traurig über so viel Selbstdarstellung von unseren Großen, die so wenig Sinn für die richtige Größe besitzen.

Werner Kohfeldt, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Kohfeldt,

das Denkmal für die ermordeten Juden Europas bleibt auch nach seiner Einweihung in der Kontroverse. Das ist gut so. Es ist unbequem, anstößig, verstörend. Wie einfach wäre es doch gewesen, eine steinerne Skulptur in den Tiergarten, vor das Reichstagsgebäude oder den Pariser Platz zu setzen! Alljährlich am 27. Januar defilierten die Spitzen des Staates daran vorbei, legten einen Kranz nieder, neigten die Häupter. Gerade das sollte es nicht sein. Peter Eisenmans Idee eines offenen Denkmals ist einzigartig. Besucherinnen und Besucher werden weder emotional noch geografisch geleitet und geführt. Wir sind frei in unseren Empfindungen. Bilder entstehen im Kopf. Sie sind höchst unterschiedlich.

Für die einen erinnert es vielleicht wirklich an das schon oft zitierte wogende Kornfeld. Andere sehen in den Stelen Grabsteine, nicht wenige spüren bedrückende Einsamkeit beim Gang zwischen den Stelen. Gelegentlich mögen Menschen auch gar nichts empfinden. Ich verstehe die Enttäuschung darüber. Ich kann auch den Zorn über Ignoranten und Respektlose nachvollziehen.

Das Kuratorium der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, das Planung und Bauausführung aktiv begleitete, war sich dieses Risikos bewusst. Wir haben Mut bewiesen und auf Heerscharen von Sicherheitskräften verzichtet. Wir setzen auf die emotionale Kraft des Denkmals, die den allermeisten Besuchern offensichtlich nicht verschlossen bleibt. Wir setzen auf verantwortungsbewusste Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler thematisch vorbereiten und zu einem Grundmaß an Taktgefühl anhalten. Wir setzen auf couragierte Bürgerinnen und Bürger, die gelegentlich diejenigen ansprechen, die sich gänzlich daneben benehmen und durch ihr Verhalten nicht nur sich selbst entwürdigen, sondern auch das Denkmal.

Ich bleibe optimistisch, dass sich unser Mut auszahlt. Bei meinen Besuchen vor Ort hatte ich den Eindruck, dass die überwiegende Zahl der Menschen der Würde des Denkmals gerecht wird. Und sollten wirklich Jugendliche von Stele zu Stele springen, dann bin ich zumindest ebenso zornig über Eltern und Lehrer, die so etwas zulassen. Gerade jungen Menschen sollten wir Geduld entgegenbringen. Schließlich bleibt das Denkmal ein Kunstwerk, das sich auf Grund seines hohen Grades an Abstraktheit nicht allen erschließt. Die Opfer jedoch sind konkret: Sie haben gelebt, gelitten und wurden ermordet. Deshalb war mir und vielen jüngeren Bundestagsabgeordneten das Informationszentrum so wichtig. Gerade im Wissen darum, dass die pädagogische Vermittlung des Holocaust in den Schulen immer wieder zu wünschen übrig lässt, ist der Ort der Information so unendlich wichtig.

Diejenigen, die vom Denkmal gänzlich unbeeindruckt sind oder deren Fragen zwischen den Stelen zu verhallen drohen, werden vom unterirdischen Zentrum besonders eingeladen. Hier bekommen die Opfer Namen und Gesicht, die siebzehnjährige Geschichte des Denkmals ist dokumentiert, an nichtjüdische Opfer wird erinnert und auf die authentischen Orte des Terrors wird hingewiesen. Erst in der Verbindung von Denkmal und Ort der Information verliert das Kunstwerk die Gefahr der Beliebigkeit.

Lassen wir uns doch noch ein wenig Zeit, bevor wir endgültige Urteile fällen. Sollte jedoch die Zahl derjenigen überhand nehmen, die Respekt gegenüber Opfern, Denkmal und Mitbesuchern nicht aufzubringen in der Lage sind, werden wir noch einmal nachzudenken haben. Das sind wir der Erinnerung an die ermordeten Juden und denen, die ihrer gedenken, schuldig. Sollten wir jedoch nur durch den massiven Einsatz von Sicherheitsdiensten einen respektvollen Umgang mit dem Denkmal gewährleisten können, wäre das ein Armutszeugnis für diese Stadt und ihre Gäste.

Mit freundlichen Grüßen

— Michael Roth (34) ist seit 1998 Bundestagsabgeordneter der SPD. Er gehörte zu den Unterstützern des Denkmals und den Initiatoren eines Informationszentrums. Von Beginn an gehört Roth dem Kuratorium der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ an.

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