Leserbriefe : Ist der Anbau von Genmais risikolos möglich?

„Wir Kolbenfresser / Genmais ist natürlich, pestizidarm, ertragreich und bekömmlich. Doch eine mächtige Lobby bekämpft ihn erbittert - warum?“ von Hartmut Wewetzer vom 22. März

Endlich! Endlich hat es ein Journalist gewagt - man ja leider schon „gewagt“ sagen - eine Lanze für die Gentechnik zu brechen. Geradezu als schlechter Mensch musste man sich bis dato fühlen, wenn man nichts gegen eine Maispflanze hat, die ohne Chemikalien wachsen kann, oder auch gegen verträgliches menschliches Insulin für Diabetiker.

Nun wurde die Diskussion, wie sie in Europa geführt wird als das entlarvt was sie ist - emotional! Es gibt keinen wissenschaftlich fundierten Beweis, der gegen Anbau und Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen spricht. Natürlich kann und sollte man sich immernoch darüber streiten, ob es einem Konzern erlaubt sein sollte, mit Saatgut Geld zu verdienen, oder dass grüne Gentechnik nichts am ungerechten Verteilungssystem von Nahrung in der Welt ändert.

Dies sind wichtige Debatten, die aber nichts mit der Sache zu tun haben. Die Vermischung der emotionalen und der fachlichen Debatten in der Politik führt aber dazu, dass hier einer Spitzentechnologie der Rücken gekehrt wird, Abwanderung von Fachkräften, Wissen und Wertschöpfung inklusive. Die Verbraucher sollten wählen können zwischen gentechnisch verändertem Mais, und Bio-Mais und allem, was dazwischen liegt. Im demokratischen Europa würde ich erwarten, diese Wahl zu haben.

Philip Groth, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Groth,

ich kann Ihrem Ansatz, der Anbau von gentechnisch veränderten Organismen habe etwas mit „Mut, gegen eine mächtige Lobby anzutreten“ zu tun, wenig abgewinnen. „Genmais“ ist nicht natürlich noch pestizidarm. Gentechnisch veränderte Maislinien sind jedenfalls nicht durch natürliche Züchtung entstanden. Dies ist ja das wesentliche Merkmal eines gentechnisch veränderten Organismus (GVO): laut EU-Definition ist dessen genetisches Material so verändert worden, wie es auf natürliche Weise nicht möglich gewesen wäre. Zum Argument, „Genmais“ sei pestizidarm: Einerseits ist bei den meisten derzeit eingesetzten Maislinien das „BT-Toxin“ als Mittel gegen Schadinsekten eingebaut. Addiert man die in der BT-Maispflanze gebildeten und die zusätzlich eingesetzten weiteren Pflanzenschutzmittel, ergibt sich unterm Strich eine Erhöhung des Pestizideinsatzes. Zudem haben die bisherigen Erfahrungen mit herbizidresistenten „Genpflanzen“ gezeigt, dass nicht weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.

Der Vergleich mit gentechnisch hergestelltem Insulin ist, mit Verlaub, ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Bei Insulin steht der Nutzen für die Diabetiker in keinem Verhältnis zu allfällig möglichen Nebenwirkungen. Insulin wird gezielt und nach ärztlicher Verschreibung eingesetzt, für den konkreten Patienten. Lebensmittel werden immer und von allen gegessen, und das in großen Mengen. Darin liegt auch der Unterschied zwischen „roter“ und „grüner“ Gentechnik: in der Medizin werden GVO-Anwendungen individuell abgestimmt. Eine Zulassung erfolgt nach Abwägung von Nutzen und Risiko. Davon kann bei gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermitteln nicht die Rede sein.

In Österreich ist seit langem die Praxis etabliert, den Empfehlungen des „Codex Alimentarius Austriacus“ zu folgen. In diesem Codex sind auch die konkreten Erwartungen der Verbraucher an ein Lebensmittel berücksichtigt. Nach allen uns zur Verfügung stehenden Erhebungen lehnen österreichische Konsumenten gentechnisch veränderte Lebensmittel mit überwiegender Mehrheit ab. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die bisher zugelassenen GVO weder einen Nutzen für Konsumenten, noch für die österreichischen Bauern haben. Auch dies ist ein Faktor, den die österreichische Politik berücksichtigt. In Bezug auf Sicherheitsbewertung und „Restrisiko“ beim Einsatz von GVO bestehen zudem nach wie vor wissenschaftliche Auffassungsunterschiede.

Noch ein wichtiger Punkt: die Frage der Koexistenz von GVO-Anbau und biologischem beziehungsweise bewusst GVO-freiem Anbau ist ungelöst. Stellt man die Kosten der Einführung von GVO-Saatgut für einen Landwirt, die daraus entstehenden sozialen Konflikte und die Kosten der Überwachung für alle betroffenen Behörden dem behaupteten Nutzen entgegen, ergibt sich aus unserer Sicht auch aus sozio-ökonomischen Abwägungen für Österreich jedenfalls ein klares Argument gegen den GVO-Anbau in unserem Land. Ich kann die Ausgangsfrage also nur mit einem klaren Nein beantworten.

Vor wenigen Wochen konnte mein Land erneut einen Vorstoß der EU-Kommission gegen die österreichischen GVO-Anbauverbote abwehren. Hier wurden die Interessen der Konsumenten vehement verteidigt, und zwar gegen eine tatsächlich „mächtige Lobby“ und deren Profitstreben.

Mit freundlichen Grüßen

— Alois Stöger (SPÖ),

Österreichischer Bundesminister für Gesundheit

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