Leserbriefe : Ist der Ausbildungspakt gescheitert?

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„Kein Platz für die Jugend“ vom 21. August 2006

Ausbildungsplätze anbieten? Wozu denn, das kostet doch Geld, schmälert unseren Konzerngewinn. Das soll mal der Staat übernehmen.

Der so genannte Ausbildungspakt war von vornherein ein totgeborenes Kind. Freiwillig werden die Unternehmen nichts tun, um die fehlenden Ausbildungsplätze zu schaffen, das ist klar. Bei dem Druck, unter dem die Politiker bei fünf Millionen Arbeitslosen im Land stehen, machen die doch eh fast alles für die Unternehmen, greifen nach jedem Strohhalm, nur um wiedergewählt zu werden. Ein erkennbares Konzept wäre zur Abwechslung auch nicht schlecht.

Dieter Fritsche, Berlin-Neukölln

Das Missverhältnis zwischen Ausbildungspatzangeboten zu Ausbildungspatzsuchern werden wir unter den derzeitigen konjunkturellen Bedingungen nicht geregelt bekommen, solange die Politik sich nicht entschließen kann eine gesetzliche Ausbildungsplatzabgabe für nicht ausbildende Betriebe einzuführen. Freiwillige Verabredungen zwischen der Politik und der Wirtschaft wurden meines Wissens noch nie erfolgreich umgesetzt, soweit sie nicht eindeutig gewinnversprechend waren. Ich kenne kein Unternehmen das Dinge tut, die sich letztlich für das Unternehmen nicht rechnen.

Klaus Kiesler, Berlin-Frohnau

Sehr geehrter Herr Fritsche,

Sehr geehrter Herr Kiesler,

der Ausbildungspakt zwischen Wirtschaft und Regierung ist erfolgreich. Die gemeinsamen Zielsetzungen konnten deutlich übertroffen werden. Statt der zugesagten 30 000 neuen Ausbildungsplätze hat die Wirtschaft 2004 und 2005 jeweils über 60 000 neue Plätze eingeworben. Auch die Zahl der Einstiegsqualifizierungen für Jugendliche mit schlechteren Vermittlungschancen geht mit jeweils rund 40 000 angebotenen Plätzen weit über die Zusage von je 25 000 Plätzen hinaus. Rund 60 Prozent der Teilnehmer münden anschließend in eine Ausbildung.

Jedem Bewerber konnte mindestens ein Qualifizierungsangebot unterbreitet werden. Nur rund 2 Prozent der Jugendlichen blieben unvermittelt, ein Anteil, der auch in Jahren mit deutlichem Lehrstellenüberhang nicht unterschritten wird. Gegenüber 2003, dem letzten Jahr vor dem Pakt, ist die Zahl der neu abgeschlossenen betrieblichen Ausbildungsverträge gestiegen.

Ohne das große Engagement der Paktpartner und insbesondere der Betriebe wären diese Ergebnisse nicht denkbar: Unternehmen investieren allein in die betriebliche Ausbildung rund 27 Milliarden Euro jährlich. Unternehmen und Arbeitgeberverbände arbeiten darüber hinaus in zahlreichen Projekten rund um das Thema Ausbildung eng mit Schulen zusammen, um den Jugendlichen die Arbeitswelt näher zu bringen und den Übergang in Ausbildung zu verbessern. Sie tun dies, da sie gut qualifizierten Fachkräftenachwuchs brauchen, für den die Ausbildung im eigenen Betrieb die beste Quelle ist. Sie handeln aber auch aus gesellschaftlichem Engagement, etwa wenn es um die Qualifizierung Leistungsschwächerer oder die Ausbildung über ihren eigenen Bedarf hinaus geht.

Die Erfolge des Ausbildungspaktes können allerdings nicht über seine Grenzen hinwegtäuschen. Der Ausbildungspakt allein kann keinen dauerhaften Durchbruch zu mehr Beschäftigung und damit mehr Ausbildung bringen. Die Politik muss auch die Rahmenbedingungen für Beschäftigung durch Modernisierung, Flexibilisierung und Entbürokratisierung nachhaltig verbessert. Von nachhaltigen politischen Reformen wird der Ausbildungsmarkt dauerhaft profitieren.

Denn Betriebe, die optimistisch in die Zukunft blicken, investieren in die Ausbildung ihres Nachwuchses, also in ihre Zukunft. Eine wachstums- und beschäftigungsförderliche Wirtschaftspolitik ist damit die beste Ausbildungsförderung. Dazu gehört auch eine nachhaltige und durchgreifende Bildungsreform, welche die Qualität der Schulen deutlich verbessert, damit Schüler über das notwendige Rüstzeug für eine Ausbildung in den Betrieben verfügen. Es ist ein bildungspolitischer Skandal, wenn laut Pisa gut 20 Prozent der Schüler zur Risikogruppe hinsichtlich ihrer beruflichen Ausbildung gehören. Auch derzeit bleiben zahlreiche Ausbildungsplätze aufgrund fehlender qualifizierter Bewerber unbesetzt. Gefordert sind auch die Jugendlichen, Leistungsbereitschaft und Motivation mitzubringen und berufliche wie regionale Mobilität zu zeigen. Gute Chancen eröffnen sich zum Beispiel häufig auch in einem anderen als dem Wunschberuf. Diese Chancen gilt es zu nutzen!

Mit freundlichen Grüßen

— Dr. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

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