Leserbriefe : Ist der Glauben in unserer Gesellschaft überflüssig?

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„Ethik kommt – und dann?“ vom 23. März 2006

Es ist der Autorin sicher beizupflichten, wenn sie bedauernd aufzeigt, dass eine immer größer werdende Zahl junger Menschen mangels entsprechender Bildung keinen Zugang zu den philosophischen Grundfragen des Lebens mehr hat. Hiervon zu trennen ist jedoch die im Grunde begrüßenswerte Entwicklung, dass es den Religionen immer schwerer fällt, ihre mit dem alleinigen Wahrheitsanspruch verbundenen Ideen zu verbreiten. Es ist kaum vorstellbar, dass die Philosophie mit ihrer ärgsten Feindin, der Religion, in einem Unterrichtsfach vereint werden könnte. Das Wesen der Philosophie ist schließlich die kritische Auseinandersetzung mit der Welt und das zweifelnde Hinterfragen von Erklärungsmodellen.

Also gerade das Gegenteil von Religion, die bekanntlich unter Berufung auf „heilige“ Schriften und Mohammed, Christus, Zion etc. allein gültige Wahrheiten verkündigt. Warum sollte man einen jungen Menschen zur Entwicklung seines kritischen Verstandes – also zum Denken – anhalten und ihn andererseits zum Glauben verleiten. Die Welt wäre wohl einiges friedlicher, wenn die Menschen etwas mehr denken und etwas weniger glauben würden. Das gilt nicht nur für die Anhänger eines intoleranten Islam. Das Abendland hat kaum Grund, sich darüber erhaben zu fühlen. Auch das Christentum hat seine blutige Spur durch die Jahrhunderte gezogen, bis die Aufklärung ihm Einhalt gebot. Und dem, der die Bilder des Papstbesuchs in Köln noch vor Augen hat, wird klar sein, dass der Sieg der Vernunft noch keineswegs gesichert ist. Es wird vielleicht der Kampf des 21. Jahrhunderts sein, der Aufklärung in allen Bereichen zum Sieg zu verhelfen. Das bedeutet aber auch, dass es nötig ist, „den Zauber“ der religiösen Botschaften als das zu entlarven, was er ist: eine gefährliche Antwort aus der Welt der Märchen auf real existierende Probleme. Die Schulen jedenfalls sollten der Bildung im Sinne einer Vermittlung der humanistischen Werte dienen, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Kampf gegen die Religionen entwickelt haben, und nicht der Verdummung durch zauberhafte Botschaften.

Heinz-Jörg Tiemann, Potsdam

Sehr geehrter Herr Tiemann,

was wären wir ohne die Philosophie! Sie hat einen festen Platz im kulturellen, aber auch religiösen Erbe Europas. Der Apostel Paulus brachte die antike Philosophie ins christliche Denken. Auch dank muslimischer Gelehrter entdeckten im Mittelalter die christlichen Theologen das Naturrechtsdenken des Aristoteles wieder, das den Humanismus bis heute prägt, ohne den die Menschenrechtsgeschichte undenkbar wäre. Heute ist es die Aufklärung, die das theologische Denken stark bereichert. Schon die Beispiele zeigen, dass es keinen Gegensatz zwischen Philosophie und christlichem Glauben gibt. Im Gegenteil: Die Theologie braucht die Inspiration und die Kritik durch die Philosophie und aller Wissenschaften. Sie darf das Gespräch mit der Moderne, mit den Kritikern der Religion und der Kirchen nicht scheuen. Wir brauchen etwa die Erkenntnisse der Geschichts- und Literaturwissenschaften, um eine kritische Analyse der Bibel und der anderen christlichen Glaubensquellen anstellen zu können. Aber auch umgekehrt kommen die Philosophie und die modernen Wissenschaften ohne den Dialog mit der Theologie nicht aus.

Indessen ist die Philosophie nicht gefeit von Irrtümern und Auswüchsen. Sie stand auch totalitären Ideologien wie dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus Pate. Gleich ob im Namen des Christentums, einer anderen Religion oder im Geiste von atheistischen Weltanschauungen oder Ideologien kann großes Unrecht geschehen. Die von Ihnen erwähnten Blutspuren sind also weder ein Grund, das Ende der Religionen zu fordern, noch die Überlegenheit der Philosophie zu reklamieren. Wir Christen dürfen heute froh sein, dass die Kirchen ihre Konsequenzen aus diesen Unheilserfahrungen gezogen haben und für ein friedliches tolerantes Miteinander zwischen den Völkern sowie in Staat und Gesellschaft eintreten.

Christliche Philosophie ist aber auch deshalb heute mehr denn je gefordert, weil der Glaube einsichtig sein muss und weil von Christen begründet werden sollte, warum das Glaubensbekenntnis vernünftig ist. Die Legitimität des eigenen Wahrheitsanspruchs gegenüber anderen Religionen und Wahrheitsauffassungen muss rational einsichtig sein. Der christliche Wahrheitsanspruch darf dabei nicht so verstanden werden, als dass er autoritären oder gar totalitären Glaubensgehorsam von den Glaubenden oder Nichtglaubenden verlangt. Die Glaubensannahme kann nur freiwillig geschehen.

Denken und Glauben sind also kein Gegensatz, wie Sie meinen. Der gläubige Christ sollte vielmehr immer auch ein denkender sein, um sich und anderen Rechenschaft vom Glauben ablegen zu können. In diesem Sinne leistet der konfessionelle Religionsunterricht an den Schulen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben, dem eigenen, wie dem der anderen. Dem Unterricht liegt ein Glaubensbekenntnis zugrunde, von dem aus die Fragen des Lebens und der Religion diskutiert werden. Er dient nicht der Ausbreitung des Glaubens sondern der kritischen Reflexion über seine Inhalte.

Es ist schon ein Dilemma, dass in Berlin dieses Fach nur zusätzlich und nicht gleichberechtigt zum verpflichtenden Ethikunterricht belegt werden kann. Die vertiefte Auseinandersetzung mit den eigenen Glaubensinhalten wird so den religiös gebundenen und suchenden Jugendlichen erheblich erschwert. Wieso will das die Politik eigentlich?

Mit freundlichen Grüßen

— Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariates der Deutschen Bischöfe in Berlin

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