Leserbriefe : Ist die Hauptschule verzichtbar?

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„Vorgezeichneter Weg“ vom 27. Juli und

„In Mathematik sind Berlins Schüler am

schlechtesten“ vom 25. Juli 2006

Und wieder wird gejammert! Dieses Mal über das Abschneiden der Berliner Hauptschulen beim Mittleren Schulabschluss (MSA). Aber: Laut Senatsbericht zum Berliner Bildungssystem können Hauptschüler den Mittleren Schulabschluss ( = Realschulabschluss ) nur erwerben, wenn ihre Leistungen in der 10. Klasse überdurchschnittlich sind. 42 Prozent eines Jahrganges mit überdurchschnittlichen Leistungen? Da kann man doch nur gratulieren! Man kann stattdessen auch die Abschaffung der Hauptschulen fordern, frontal unterrichtende Lehrer brandmarken, die Mathelehrer generell tadeln, mehr Fortbildung verlangen, ein Lehrer-Schülerschlüssel im Verhältnis 1:1 oder die Einheitsschule wünschen … und was der „fachmännischen“ Vorschläge mehr sind. Man kann aber auch einfach die Ergebnisse der Studie Logik lesen, um etwas über die schon früh ausgeprägten verschiedenen Anlagen und Fähigkeiten von Kindern zu lernen und von daher die Einrichtung des gegliederten Schulsystems verstehen. Hier könnte Herr Böger mehr Aufklärungsarbeit leisten, dann würde man auch seine Befriedigung über das jetzt erzählte Ergebnis nachvollziehen können.

Natürlich bedeutet das nicht, dass nichts an der Berliner Schule zu verbessern wäre, denn ein Vergleich mit den anderen Bundesländern – so er denn bei den verschiedenen Aufgabenstellungen möglich wäre – brächte vielleicht nicht viel Gutes an den Tag …

Hella Schacher, Berlin-Zehlendorf

Sehr geehrte Frau Schacher,

jammern hilft in der Tat nicht. Wohl aber die nüchterne Analyse ohne Beschönigung und Selbsttäuschung. Genau dieses hat Senator Böger geleistet, wenn die Ergebnisse der Berliner Schulen beim mittleren Schulabschluss veröffentlicht und damit transparent gemacht wurden. Das ist zu loben. Jetzt muss man allerdings darüber nachdenken, wie das Ergebnis zu bewerten ist und wo Verbesserungen möglich sind. Wenn ein bestimmter Anteil von Schülerinnen und Schülern überdurchschnittlich abschneidet, dann sagt dieses über die Qualität der Überdurchschnittlichen gar nichts, solange nicht klar ist, welche Qualität denn der Durchschnitt hat.

Um die nachwachsende Generation konkurrenz- und damit überlebensfähig zu machen, müssen wir fragen, ob alles getan wird, um die Ergebnisse zu verbessern. Die Antwort heißt ganz klar: Nein. Dieses ist aber kein Berliner Phänomen, sondern ein deutsches, das allerdings in großen Städten eine besondere Ausprägung erfährt. Wir wissen empirisch, dass einige Faktoren besonders negativ wirken: Die späte Einschulung (in Deutschland findet ein gezielter Sprach- und Mathematikunterricht auf elementarem Niveau 2,5 Jahre später statt als im internationalen Vergleich). Die wichtigsten Weichen sind dann gestellt. Des Weiteren müssen wir die Unterrichtsqualität verbessern, das bedeutet auf die individuelle Leistungsfähigkeit sowohl der Leistungsschwachen als auch der Leistungsstarken differenziert einzugehen. Diese Differenzierung hat im 19. Jahrhundert durch die Entstehung verschiedener Schultypen stattgefunden, die im Wesentlichen den drei gesellschaftlichen Ständen entsprachen.

Wir leben nicht mehr in einer Ständegesellschaft. Ein Bundesland wie Berlin, das weniger als 10 Prozent eines Altersjahrgangs in der Hauptschule unterrichtet, hat die Hauptschule zu einer Restschule gemacht, auf der keineswegs sich nur minderbegabte Kinder tummeln, sondern, insbesondere aus Migrantenfamilien, Kinder, die nur wenig Berührung mit gezielten Bildungsprozessen gehabt haben. Insofern verwundert es nicht, wenn solche Schulen in erheblichem Maße mit Verhaltensproblemen zu kämpfen haben, da das bindende Element einer gemeinsamen Unterrichtssprache und eines gemeinsamen Bildungsmotivs als Voraussetzung fehlt. Vor dem Hintergrund der sicheren Tatsache, dass Schulsysteme erfolgreicher sind, in denen die Zuweisung zu unterschiedlichen Schultypen nicht zu früh stattfindet, müssen wir dort, wo die Hauptschule nur noch eine Restschule ist, ihre Wirksamkeit in Frage stellen. Es ist deshalb ein zweigliedriges Schulsystem zu empfehlen, bestehend aus dem Gymnasium und einer Sekundarschule, in der die nicht gymnasialen Schultypen zusammengeführt werden.

Man kann durchaus Argumente gegen eine Integration der Hauptschule in Real- bzw. Gesamtschule aktivieren, sollte sich aber dabei genau prüfen, ob die Motive nicht letztlich weniger bildungspolitisch als sozialpolitisch sind: Dass man die Angehörigen verschiedener Schichten bzw. verschiedener ethnischer Herkünfte nicht vermischen möchte. Wenn das das heimliche Motiv ist, dann ist es ein gefährliches, denn dann stabilisieren wir Parallelgesellschaften mit nicht ermessbaren Folgen.

Mit freundlichen Grüßen

— Univ.-Prof. Dr. Dieter Lenzen,

Präsident der Freien Universität Berlin

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