Leserbriefe : Ist ein generelles Tempolimit auf Autobahnen gut fürs Klima?

Zur Diskussion über ein Tempolimit

auf den deutschen Autobahnen

Aus welcher Mottenkiste kommen die „Sozial-“demokraten eigentlich? Der Parteitagsbeschluss, ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen ist das Allerletzte. Treffen würde es vor allem die, beruflich viel mit dem Auto unterwegs sind oder pendeln. Die Diskussion über ein Tempolimit ist nun wirklich fast so alt wie das Auto. Da sollen mal wieder Millionen von Autofahrern gegängelt werden, und das letztlich ohne wirklichen Grund.

Besonders absurd ist die Begründung, mit einem Tempolimit würde man etwas gegen den Klimawandel tun. Bravo, der Wahlkampf hat begonnen! Diese Aussage ist pauschal und populistisch. Erst einmal machen die Autohersteller mittlerweile deutliche Fortschritte bei der Entwicklung klimafreundlicherer Autos, zugegebenermaßen auf Druck der Politik. Aber selbst mit den Autos die zurzeit auf unseren Straßen fahren würde ein Tempolimit nahezu nichts für das Klima bewirken: Es gibt diverse Untersuchungen, dass ein Tempolimit, was den Kohlendioxidausstoß angeht, ein Nullsummenspiel wäre. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Glaubt denn wirklich jemand, dass die Autofahrer, die ab und zu schneller fahren, den Klimawandel ernsthaft beschleunigen? Der Klimawandel ist ein globales Problem und deshalb muss man ihn auch global bekämpfen. Das heißt, das sich vor allem die weltweit größten „Klimaschädlinge“, die USA und China, verpflichten müssen, ihren Kohlendioxidausstoß zu senken. Im Endeffekt wäre ein generelles Tempolimit auf den deutschen Autobahnen nur eins: Ein weiteres Mittel, um den Bürger abzukassieren. Für die Umwelt bringt es jedenfalls nichts

Helmut Szymaniak, Berlin-Lichtenrade

Sehr geehrter Herr Szymaniak,

ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Autobahnen kostet die Bürgerinnen und Bürger nichts – ganz im Gegenteil: Das Tempolimit entlastet sofort die Umwelt. Und die Autofahrer sparen mit einer klimaschonenderen Fahrweise bares Geld. Der Spritverbrauch sinkt merklich und der gesamte Antriebsstrang – Motor, Getriebe, Achsen oder Reifen – nutzt sich weniger ab. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes verringert Tempo 120 die Kohlendioxidemissionen der Pkw auf Autobahnen um neun Prozent – vorausgesetzt, 80 Prozent der Fahrerinnen und Fahrer hielten sich daran. Das sind pro Jahr etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) weniger. Daneben gibt es sofort weniger Lärm und Luftschadstoffe; zum Beispiel den gesundheitsschädlichen Feinstaub und Stickstoffoxide, die uns Sommersmog bescheren helfen.

Unsere Analysen beziehen sich allerdings auf Durchschnittsgeschwindigkeiten und Fahrleistungen aus den Jahren 1993/94. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Wir brauchen neue, um die Diskussion zu versachlichen. Eines ist schon jetzt unbestritten: Je langsamer wir fahren, desto mehr tun wir für den Klimaschutz. Denn der Verbrauch und damit der CO2-Ausstoß unserer Autos nimmt mit steigender Geschwindigkeit im Quadrat zu. Der Einspareffekt des Tempolimits tritt sofort ein, ohne dass an den Autos im Bestand technisch irgendetwas zu ändern wäre. In einigen Jahren sorgt ein Tempolimit dafür, dass die Hersteller Fahrzeuge bauen, die insgesamt sparsamer sind. Diese neuen Fahrzeuge müssen nicht mehr auf hohe Endgeschwindigkeiten ausgelegt sein. Die Motoren werden so kleiner, die Fahrzeuge leichter und sparsamer. Sorgen um die deutschen Automobilbauer habe ich übrigens nicht; ein Tempolimit nimmt niemandem die individuelle Mobilität mit dem Auto. Wer dennoch den Niedergang der deutschen Automobilindustrie befürchtet, sei ein Blick in die USA empfohlen: Dort verkaufen sich deutsche Sport- und Luxuswagen seit Jahren gut – trotz Tempolimit auf den Highways.

Wer meint, ein Tempolimit auf der Autobahn raube den Menschen den wohl verdienten Fahrspaß, sollte auch bedenken: Der Verkehr rollt sehr ungleichmäßig, je größer der Unterschied zwischen den langsam und den schnell Fahrenden ist. Wir alle kennen das von der Autobahn: stark aufs Gas treten, vor dem Stau hart bremsen und wieder beschleunigen, nachdem sich die Situation wieder entspannt hat. Manche halten das für dynamisches Fahren. In Wahrheit stört es den Verkehrsfluss erheblich und senkt so die Durchschnittsgeschwindigkeit aller. Der Verkehr rollte viel flüssiger, nähmen wir alle den Fuß häufiger vom Gas. Subjektiv mag sich der Eindruck einstellen, bei Tempo 120 Zeit zu verlieren, weil man schneller fahren könnte – allzu oft leider nur bis in den nächsten Stau.

Ein Tempolimit ermöglichte vor allem den zahlreichen Pendlern und Vielfahrern nicht nur ein entspanntes Fahren. Die Autobahnen würden auch sicherer. Zu schnelles Fahren gilt als eine der Hauptunfallursachen in Deutschland. Schon 1984 wies die Bundesanstalt für Straßenwesen nach, dass die Zahl der Unfalltoten auf Autobahnen um 20 Prozent niedriger liegen könnte, falls die Geschwindigkeit auf 130 Kilometer pro Stunde begrenzt wäre. Seitdem nahmen der Verkehr und die Geschwindigkeiten deutlich zu. Der Effekt dürfte heute noch stärker ausfallen. Es leuchtet doch ein: Wer mit 120 Kilometern/Stunde auf das Stauende hinter einer Kurve zurollt, hat deutlich bessere Chancen zum Bremsen, als jemand, der mit Tempo 200 heranrauscht. Ein Tempolimit allein rettet das Klima ganz sicher nicht – das ist allen klar. Ein Tempolimit kann – wie andere Maßnahmen zum Klimaschutz – einen wichtigen Beitrag leisten, die CO2-Emissionen zu senken.

Ob ein Tempolimit letztlich Realität wird, ist eine politische Entscheidung. Aus Sicht des Umweltbundesamtes spricht vieles dafür. Und es gibt durchaus Umfragen, die zeigen, dass ein großer Teil der Menschen in diesem Land bereit ist, für den Klimaschutz auch den Fuß vom Gas zu nehmen. Es bleibt also spannend!

Mit freundlichem Gruß

— Prof. Dr. Andreas Troge,

Präsident des Umweltbundesamtes

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