Leserbriefe : Ist eine Zusammenarbeit mit Brandenburg gut für Berlin?

„Brandenburg empört über Berliner IHK“ vom 8. Juni

Im Zuge der aktuellen Diskussion über die Fusion der Wirtschaftsverbände Berlin und Brandenburg fragt man sich doch, was hätte Berlin überhaupt von einer solchen Fusion? Brandenburg pickt sich bei der Zusammenarbeit mit Berlin seit Jahr und Tag immer nur die Rosinen aus dem Kuchen. Hier will ich ein paar Beispiele nennen: Viele Brandenburger arbeiten in Berlin, zahlen aber in Brandenburg Steuern. Und nach der Inbetriebnahme des neuen Großflughafens Berlin-Brandenburg International werden in Berlin tausende Arbeitsplätze verloren gehen. In Brandenburg werden sie neu entstehen.

Da fragt man sich doch, ob eine solche „Zusammenarbeit“ im Bereich der Wirtschaftsförderung wirklich im Interesse Berlins liegt.

Andreas Bachmann, Berlin-Charlottenburg

Zunächst einmal meinen Dank für das deutliche Plädoyer der Berliner Industrie- und Handelskammer. Endlich hat jemand den Mut, Klartext zu sprechen, was die Beziehungen der Länder Berlin und Brandenburg angeht.

Da weder die Politiker noch die Bevölkerung des Landes Brandenburg eine Fusion vorantreiben und offensichtlich nicht ernsthaft wollen, sollten sie sich auch über die Konsequenzen im Klaren sein. Sich nur die Rosinen herausholen, indem Behörden, Ämter, Gerichte zusammengelegt und von Berlin nach Brandenburg verlagert werden, kann doch wohl nicht von Berlin immer nur hingenommen werden.

Solange nicht in Brandenburg ernsthaft eine Fusion vorangetrieben wird, sollte Berlin sich um sich selbst kümmern. Selber essen macht fett!

Klaus Cordes, Berlin-Zehlendorf

Lieber Herr Bachmann,

lieber Herr Cordes,

gemeinsam sind wir stärker. Eine einfache Weisheit. Aber gilt sie auch für Berlin und Brandenburg? Natürlich kann sich Berlin hinter die Stadtgrenze zurückziehen. Und auch Brandenburg kann sich auf sich selbst konzentrieren. Aber nutzt das beiden? Allein bleibt Berlin Großstadt, Brandenburg Flächenland – gemeinsam bilden wir Deutschlands Hauptstadtregion.

Das gibt uns ein ganz anderes Gewicht im internationalen Standortwettbewerb. Zusammen sind beide Länder so groß wie Belgien, haben mehr Einwohner als Dänemark, Norwegen oder Finnland und exportieren mehr Waren als ganz Irland. Gemeinsam stehen wir in Zukunftsbranchen wie der Biotechnologie an der Spitze in Deutschland und Europa. Jedes Land für sich wäre irgendwo im Mittelfeld.Gemeinsame Stärken sind keine Einbahnstraße. Berlin ist mit der Hauptstadtfunktion und als Dienstleistungsmetropole eine Trumpfkarte für die gesamte Region. Umgekehrt profitiert Berlin in gleichem Maße von Brandenburg. Durch das Flächenland bekommt die Hauptstadt ein umfassendes industrielles Profil. Denn der Industriegürtel der Region befindet sich in hohem Maße in Brandenburg – bis in die Prignitz, Uckermark und Lausitz. Durch Brandenburg verfügt die Hauptstadtregion über eine wachstumsstarke Luftfahrtindustrie, chemische Industrie, Holzwirtschaft und Papierindustrie.

Ja, gemeinsam sind wir stärker. Auch weil wir keine Konkurrenten sind. Nicht mit Brandenburg steht Berlin im Wettbewerb, sondern mit Paris, London oder Warschau. Das ist auch der Fehler in der aktuellen Kontroverse: Sie ist nach innen gerichtet, statt die Region im internationalen Maßstab zu betrachten. Dabei sind wir schon weit vorangekommen: Wir werben gemeinsam um Investoren, haben klare Regelungen getroffen, um nicht gegenseitig in Konkurrenz zu treten und treten im Standortmarketing unter der gemeinsamen Businessmarke „The German Capital Region“ auf.

Was trennt uns nun mit einem Mal? Ist es noch ein Stück Historie? Die Befürchtung mancher Brandenburger, Berlin könnte sie unterbuttern? Oder irritiert das gestiegene Selbstbewusstsein der Märker diejenigen in Berlin, die sich gegenüber den Brandenburgern als die Besseren darstellen wollen? Kommt daher der Vorwurf der Rosinenpickerei? Der ebenso falsch ist wie diffamierend. Wie viele Berliner haben ihren Traum vom Haus im Grünen in Brandenburg verwirklichen können? Wie viele Berliner pendeln jeden Tag aus der Stadt zu ihren Arbeitsplätzen im Umland? Und wie viele Brandenburg beleben Berlin als Käufer, Theaterbesucher oder einfach als Freunde und Bekannte? Wir brauchen mehr Realitätssinn, denn die Realität überzeugt schon jetzt. Zahlreiche Firmen haben ihre Standorte in Berlin und Brandenburg. Wir haben eine gemeinsame Landesgerichtsbarkeit und RBB-Sendeanstalt. Verbände sind länderübergreifend aufgestellt. Und so fort.

Stadt und Land sind naturgemäß unterschiedlich. Aber diese Unterschiede sind, das ist die Erfahrung vieler, kein Makel - sondern etwas Ergänzendes. Wenn wir das begreifen, den Vorteil des anderen als eigenen Vorteil verstehen, dann können wir auch Erfolge gegenüber anderen Regionen als gemeinsame Erfolge feiern.

Mit besten Grüßen

— Ulrich Junghanns (CDU),

stellvertretender Ministerpräsident und

Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg

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