Leserbriefe : Ist Entwicklungshilfe Geldverschwendung?

Zur Berichterstattung über den G-8-Gipfel

Die Entwicklungshilfe soll erhöht werden. Entwicklungshilfe ist doch ein Fass ohne Boden. Die Milliarden, die die Industrienationen in den letzten Jahrzehnten in die Dritte Welt transferiert haben, sind doch im Nichts versickert - siehe zum Beispiel in Afrika. Dort haben sich doch die Führungseliten der Staaten jahrzehntelang die eigenen Taschen gefüllt, nur Bruchteile der Entwicklungshilfe sind tatsächlich bei der Bevölkerung angekommen. Das Geld sollte man sich lieber sparen und damit unsere exorbitanten Schulden zurückzahlen, damit nicht unsere Kinder und Enkel diese Last zu schultern haben.

Elke Rosenberg, Berlin-Lichterfelde

Bundeskanzlerin Merkel verspricht, „dass die Regierung in den kommenden vier Jahren zwei bis drei Milliarden mehr Entwicklungshilfe für Afrika aufbringen will“. Zwei bis drei Milliarden! Warum nicht fünf, acht oder zwanzig? Offenbar weiß Deutschland gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Wohin es allerdings nicht fließen soll, das steht fest: ins eigene Land. Bei allem Respekt vor den Nöten der Dritten Welt, so muss man sich doch fragen, weshalb Deutschland jährlich Milliarden in Länder pumpt, denen objektiv betrachtet doch damit nicht wirklich geholfen ist. Oder welchen Sinn ergibt es, korrupte Regime mit Geld zu füttern und alljährlich die Dosis zu erhöhen, wenn selbiges in den Taschen der dortigen „Politiker“ versickert? Vielleicht könnte man mit dem Gesparten zur Abwechslung auch mal wieder in Deutschland investieren.

Stefan Gläser, Berlin-Frohnau

Sehr geehrte Frau Rosenberg,

sehr geehrter Herr Gläser,

ganz unbestritten sind Schuldenabbau und Investitionen in Deutschland wichtige politische Aufgaben. Und dennoch ist es nicht nur moralisch geboten, sondern auch in unserem eigenen Interesse, konsequent gegen die Armut in der Welt vorzugehen.

In Subsahara-Afrika leben rund 740 Millionen Menschen. Mehr als die Hälfte dieser Menschen ist jünger als 18 Jahre. Viele von ihnen leben von weniger als einem US-Dollar am Tag. Nur wenn diese jungen Menschen eine Perspektive und Zukunftschancen haben, werden auch wir in Europa auf Dauer in Frieden und Wohlstand leben können. Afrika liegt von Europa gerade einmal zwölf Kilometer entfernt. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass uns die Probleme unseres Nachbarkontinents nicht erreichen. Die Bilder von Flüchtlingen im Mittelmeer und auf den Kanarischen Inseln belehren uns jeden Tag eines anderen. Entwicklungshilfe ist deshalb auch in unserem ureigensten Interesse. Sie hilft den Menschen in ihren Ländern. Und sie ist die kostengünstigste Sicherheitspolitik, weil sie Konflikten vorbeugt. Denn sind Krisen und Kriege erst einmal ausgebrochen, wird es für die internationale Staatengemeinschaft immer teurer.

Afrika ist ein Kontinent im Aufbruch. Immer mehr Länder werden demokratisch regiert. Die Reformstaaten Afrikas haben sich zusammengeschlossen und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Mittlerweile gibt es in Afrika ein Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent. Die letzten zehn Jahre waren die längste Wachstumsperiode seit den 60er Jahren. Diesen Aufbruch gilt es zu unterstützen – durch Investitionen auch von deutschen Unternehmen, aber auch durch die Entwicklungszusammenarbeit.

Dabei setzen wir besonders auf die Reformstaaten mit guter Regierungsführung. Die Mittel im Kampf gegen Kinder- und Müttersterblichkeit, geben Aids, Malaria und Tuberkulose, für Bildung, Schulen und Gesundheitsstationen setzen wir über unsere deutschen Durchführungsorganisationen ein. So können wir sicherstellen, dass die Mittel auch wirklich da ankommen, wo sie gebraucht werden – bei den Ärmsten der Armen. Leider stimmt es, dass während des Kalten Krieges West und Ost bei der Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern auf gute Regierungsführung und Korruptionsbekämpfung keinen großen Wert gelegt haben. Aber diese Zeiten sind vorbei.Und die gute Nachricht ist: Entwicklungshilfe wirkt tatsächlich. Durch die Arbeit des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, den es erst seit 2002 gibt, konnten zum Beispiel allein bis heute mehr als 1,5 Millionen Menschenleben gerettet werden. Die Entschuldung der Entwicklungsländer hat dazu geführt, dass heute mehr als 20 Millionen Kinder zusätzlich zur Schule gehen können. Wenn wir hundert Millionen Euro zusätzlich in Afrika einsetzen, können neun Millionen Menschen mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden und sie müssten nicht an Aids sterben.

Ich weiß, dass es auch bei uns viele gibt, die mit einer kleinen Rente oder einem geringen Einkommen auskommen müssen. Mich hat bei Spendenaktionen die Großzügigkeit gerade dieser Menschen immer tief berührt, wenn sie mir sagen: „Wir haben selbst nicht viel, aber das Schicksal anderer Menschen ist uns dennoch nicht egal!“ Dann spürt man, dass es nicht nur eine Globalisierung der Wirtschaft, sondern auch eine Globalisierung der Mitmenschlichkeit gibt. Und dafür lohnt es sich zu arbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

— Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD),

Bundesministerin für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung

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