Leserbriefe : Ist es sinnvoll, das Schienennetz zu privatisieren?

Zur Berichterstattung über

die geplante Privatisierung der Deutschen Bahn

Was soll eine Privatisierung des Schienennetzes bringen? Ein Interesse daran hat nur die Deutsche Bahn AG. In Großbritannien haben sie Erfahrungen mit einem privatisierten Schienennetz gemacht. Darüber sollten der Tagesspiegel mal berichten, damit unseren Politikern endlich die Augen aufgehen. Wenn das Schienennetz erst einmal privatisiert ist, kann man das kaum noch rückgängig machen.

Renate Kappe, Berlin-Friedrichshain

Warum nicht auch das Bahnnetz in Deutschland vom Betrieb abspalten? Solange das deutsche Bahnnetz noch mit dem größten deutschen Eisenbahn-Verkehrsunternehmen, der DB AG, in einem Konzern verbunden ist, wird weder Wettbewerb entstehen noch das Netz gesamtwirtschaftlich und umweltorientiert weiter entwickelt. Die DB AG richtet das Bahnnetz nach ihren eigenen Betriebskonzepten aus und erschwert oder verhindert für kleinere, d. h. alle anderen, Eisenbahnverkehrsunternehmen die Umsetzung ergänzender und eigener Angebote. Die DB AG wird kein großes Interesse am Ausbau des bundesweiten Streckennetzes haben, weil sie fast die Hälfte ihres Umsatzes auf der Straße erwirtschaftet.

Die Politik sollte erkennen und berücksichtigen, dass Infrastrukturmaßnahmen wie z. B. der Bau leistungsfähiger Häfen oder Wirtschaftsansiedlungen ebenso leistungsfähige Schienenverkehrswege für den An- und Abtransport der Waren erfordern. Zweitens: Schienen-Netzverbesserungen und Wettbewerb der Bahnverkehrsunternehmen miteinander gesamtwirtschaftliche Kostenvorteile bringen und Arbeitsplätze sichern helfen. Drittens das Bundesvermögen von DB-Netz und Stationen zur verkehrswirtschaftlichen Daseinsvorsorge Deutschlands dient und nicht wegen zeitlich begrenzter Interessen zerrissen werden sollte.

Hartmut Pernotzky,

Berlin-Moabit

Sehr geehrte Frau Kappe,

Sehr geehrter Herr Pernotzky,

die Privatisierung der britischen Eisenbahn in den 90er Jahren brachte einen echten Nutzen in Form von privatwirtschaftlichen Investitionen und innovativen Dienstleistungskonzepten. Gleichzeitig erhöhte die Regierung ihre Unterstützung für die Eisenbahn – von rund 1,5 Milliarden britische Pfund 1998/99 auf über 3 Milliarden 2004/05. Infolgedessen stieg die Zahl der Zugfahrten seit 1997 um 45 Prozent und die Zahl der Güterbeförderungen um 47 Prozent.

Natürlich hat es Schwierigkeiten gegeben. Die Hauptprobleme waren die Zersplitterung des Schienenverkehrs und das Fehlen klarer Verantwortungshierarchien. Die Regierung befasste sich mit diesen Problemen in einem Weißbuch, das 2004 veröffentlicht wurde. Das Unternehmen „Network Rail“ war zuvor gegründet worden, um das Netz privatwirtschaftlich, aber ohne Aktienkapital zu verwalten und zu betreiben. Das Weißbuch sah eine Fortsetzung dieser Reform durch eine weitere Straffung der Organisation vor. So wurde die Strategic Rail Authority abgeschafft, ihre strategischen und finanzpolitischen Aufgaben gingen an das Verkehrsministerium.

Die Zuverlässigkeit hat sich verbessert, die Kosten werden unter Kontrolle gebracht, und das Niveau der Sicherheit ist nach wie vor hoch. Jetzt geht es vor allem darum, die Herausforderungen durch die weiter steigende Nachfrage zu bewältigen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Bahn ihren Vorteil in Sachen Umweltfreundlichkeit gegenüber anderen Verkehrsmitteln behält. Zu diesem Zweck veröffentlichte die Regierung im Juli ein Weißbuch, das die Investitionen für die Jahre 2009 bis 2014 festlegt. Von den insgesamt 15 Milliarden Pfund sollen 10 Milliarden allein für die Verbesserung der Kapazitäten verwendet werden. Das Weißbuch nennt auch die Verbesserungen in puncto Kapazitäten, Zuverlässigkeit und Sicherheit, die die Bahn als Gegenleistung durchsetzen muss.

Großbritannien hat den offensten und wettbewerbsorientiertesten Eisenbahnmarkt in Europa, und die Regierung legt Wert auf einen ökologisch und finanziell nachhaltigen Schienenverkehr, der auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen kann. Ein gutes landesweites Eisenbahnnetz ist für eine gesunde Volkswirtschaft unerlässlich, sei es, um Finanzzentren und städtische Ballungsgebiete zu verbinden oder um die internationale Anbindung an Häfen und Flughäfen zu gewährleisten.

Mit freundlichen Grüßen

— Sir Peter Torry,

britischer Botschafter in Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben