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Leserbriefe : Ist Musikunterricht für Kinder wichtig?

21.03.2010 00:00 Uhr

„Ein Ranzen voll Dissonanzen / Wird der Musikunterricht schleichend aus der Schule verdrängt?“

von Fatina Keilani vom 12. März

Ich halte die Reaktionen der Eltern auf die Kürzungen beim Musikunterricht für völlig überzogen. Gespart werden muss, das ist seit langem bekannt. Auch in den Schulen. Und wenn dort schon der Rotstift angesetzt werden muss, dann bieten sich Fächer wie Musik oder Kunst doch geradezu an. An denen findet, wenn ich mich an meine (schon länger zurückliegende) Schulzeit erinnere ohnehin nur eine Minderheit der Kinder Gefallen und für das spätere Leben sind sie – im Gegensatz zu etwa Unterricht in Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik oder den Naturwissenschaften – nach meiner Auffassung durchaus verzichtbar.

Außerdem ist niemand ein schlechter Mensch, wenn er kein Instrument spielen kann, und die Freude am Musikhören wird einem dadurch auch nicht genommen.

Hans-Jürgen Winter, Berlin-Gropiusstadt

Sehr geehrter Herr Winter

Sie haben Recht, nichts ist schlimm daran, wenn jetzt eine Stunde Musik gestrichen wird, es ist auch nicht schlimm, wenn in zwei Jahren eine Stunde Sport, in weiteren zwei Jahren eine Stunde Naturwissenschaft, dann eine Stunde Sprachen gestrichen wird, aber was ist, wenn am Ende nichts mehr zu streichen ist? Im Ernst!

Gegenfrage: Warum lassen Sie sich für etwas instrumentalisieren, was bei genauem Hinsehen zu einem Pyrrhussieg führt? Was hier stattfindet ist das Kräftemessen nach den Gesetzmäßigkeiten von Lobbyarbeit. Wir lassen uns auf eine Diskussion ein, wie wir sie von der Politik vorgelebt bekommen. Aber Bildung ist keine Politik. Es ist die Aufgabe der Politik, die von der Gesellschaft gewollte Bildung durchzusetzen. Also müssen wir uns die Frage stellen, wie gebildet (schulgebildet) sollen die zukünftigen Generationen die Schule verlassen, um erfolgreich ins Berufsleben starten zu können und was ist uns diese Bildung wert? Es kann doch niemand glauben, dass wir allein mit Strukturveränderungen bessere Inhalte vermitteln, schon gar nicht, wenn die Struktur auf eine Zeitverkürzung hinausläuft. Die Ganztagsschule kann man sehen wie man will, wenn man die Schule insgesamt nicht strategisch verändert, bleibt sie eine Aufbewahrungsanstalt, die obendrein den Kindern Zeit für ihre Interessen nimmt.

Zu den Freizeitaktivitäten zählen Musik, Theater, Malen und Sport, aber eben auch die Beschäftigung in unzähligen Arbeitsgemeinschaften, wie zum Beispiel der Kinderuni. Die Stundentafel kürzen und dann noch beispielsweise den Musikschulen das Geld wegnehmen, kann kein guter Plan sein, hier fehlt die politisch ordnende Hand komplett! Bitte verkennen Sie nicht, dass die umfangreichen Educationprogramme der Berliner Kulturinstitute eine Reaktion auf das sich verschlechternde Angebot der Schulen sind. Auch unsere Hochschule hat ein Programm mit ausgewählten Schulen aufgelegt. Der Zuspruch ist so groß, dass wir Sorge haben, die Nachfrage nicht ohne Einschränkungen unserer eigentlichen Aufgabe bedienen zu können. Die Studierenden und die Verantwortlichen übernehmen diese Aufgabe mit großem Engagement, aber wir fragen uns auch, wie nachhaltig wir sein können und ob wir nicht das Trostpflaster für Leistungen sind, die die Schule selbst bringen müsste. Es ist höchste Zeit die Schulen personell und materiell auf den erforderlichen Stand zu bringen.

Ich halte, anders als Sie, die Reaktion der Eltern nicht für überzogen. Ich bin guter Hoffnung, dass ein großer Teil dieser Elternschaft nicht nur Lobbyismus pflegen will, sondern nach meinen Erfahrungen gerade diese Elternschaft sich Sorgen um das Ganze macht. Wir müssen uns doch eingestehen, dass wir mit dem bisherigen Bildungssystem an Grenzen gestoßen sind. Das Wissen der Menschheit nimmt in atemberaubendem Tempo zu. Es ist unmöglich, diese Vielfalt zu vermitteln. Was wir aber erreichen müssen ist ein Bildungszustand, bei dem am Ende alle Verantwortlichen und Beteiligten den Eindruck haben, dass alles für die Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen auf das weitere Leben getan worden ist. Klagen über mangelnde Rechtschreib- und Mathematikkenntnisse darf es ebenso wenig geben, wie Klagen über mangelndes Sozialverhalten bzw. Sozialkompetenzen.

Ich gebe Ihnen Recht, dass niemand ein schlechter Mensch ist, nur weil er kein Instrument spielt. Ich erlebe aber auch, wie glücklich diese Menschen sind, wenn sie sich mit den Künsten auseinandersetzen können. Sie erleben das, was für mich Beruf ist, als eine große Bereicherung des Lebens und beziehen aus dieser Beschäftigung Freude für den Augenblick, oftmals sogar Motivation für den Alltag. Sie empfinden Glück. Was ist Glück für ein wunderbares Gefühl für den Einzelnen und die Gesellschaft!

Was an Musik und künstlerischem Unterricht wichtig ist, ist neben dem Wissenserwerb auch das gemeinsame Tun. Im Musikunterricht wird die Leistung des Einzelnen im Kontext des Gesamten gesehen und bewertet. Deshalb ist er für die Persönlichkeitsentwicklung von größter Wichtigkeit. Es werden Kompetenzen für Führung, Teamfähigkeit, Toleranz und Verantwortung erworben, die im Kindesalter wichtig und für den Erwachsenen unverzichtbar sind. Das braucht Zeit und Regelmäßigkeit der Betreuung. Dafür sind zwei Stunden in der Woche nicht viel. Derzeit wird an den Kindern herumgezerrt, wie an jenem im „Kaukasischen Kreidekreis“.

Sind unsere Entscheidungsträger so weise wie jener Richter? Wir wissen, die Mutter hat nicht gezerrt!

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Jörg-Peter Weigle, Rektor

der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin

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