Leserbriefe : Ist Solarstrom aus Afrika eine Fata Morgana?

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Foto: Michael Kappeler/ddp, DIW Berlin

„400 Milliarden Euro für Solaranlagen in Afrika“ vom 17. Juni

Die Diskussion um Strom aus der Sahara ist wohl auch ein bisschen dem Sommerloch geschuldet. Ich möchte aber auch nicht ausschließen, dass es den Mitgliedern des Firmenkonsortiums, das den „Wüstenstrom“ realisieren will, vor allem darum geht, die eine oder andere Fördermilliarde von Bund oder EU zu erhalten. Die Zahlen, um die es geht, sind in der Tat beeindruckend: 400 Milliarden Euro müssten investiert werden, um 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken.

Offen zugegeben wird schon, dass Solarstrom gegenüber dem aus Kohle erzeugten noch nicht wettbewerbsfähig ist, vom Atomstrom gar nicht zu reden. Dazu kommen noch die unabsehbaren Risiken des Standorts Nordafrika. Die Regime dort sind alles andere als stabil und zuverlässig. Wie soll man kapitalintensive Engagements in dieser Region sichern? Und die Risiken für Anlagen und die Mitarbeiter der Firmen: Mit regelmäßigen Terroranschlägen oder Sabotageakten muss man dort regelmäßig rechnen, zumal wenn die europäischen Staaten auf den Strom aus Nordafrika erst angewiesen sind. Außerdem sind Geiselnahmen in der Sahara eine gängige Einnahmequelle. Die Frage ist: Können wir Europäer die Sicherheit in einem Gebiet gewährleisten, in dem wir keine Hoheitsrechte haben?

Technisch mögen so große Solarstromanlagen mittlerweile vielleicht machbar sein, aber die Risiken und Kosten - auch die für die Sicherung von Anlagen und Mitarbeitern - machen das ganze heute zur Utopie. In 20, 30 Jahren sieht das vielleicht anders aus, derzeit sollten wir tunlichst die Finger davon lassen, Steuergelder in ein solches Projekt zu investieren.

Bleibt zu hoffen, dass auch die Politik sich da keinen Sahara-Sand in die Augen streuen lässt.

Silvio Hausner, Berlin-Treptow

Sehr geehrter Herr Hausner,

sicherlich mag ein Projekt, in dem 400 Milliarden Euro für eine Stromversorgung in Afrika ausgegeben werden und erst einmal nur 15 Prozent unseres Strombedarfs überhaupt gedeckt werden könnten, erst einmal weltfremd, überzogen und abgehoben klingen. Doch ganz so abwegig ist es nicht aus den folgenden Gründen:

1. Die Sorge vor einer sicheren Energiebereitstellung ist berechtigt, gilt aber nahezu für alle Energieträger, wie Öl, Uran oder auch Gas und vor allem auch für alle energieexportierenden Länder. Insbesondere auch deshalb, weil die fossilen Energien immer knapper werden und in nur in wenigen Regionen der Welt verteilt sind.

Schon heute sind wir in Europa zu über 80 Prozent von Energieimporten abhängig, Öl importieren wir zu nahezu 100 Prozent. Auch wenn wir derzeit in erster Linie aus Norwegen und Russland unsere Energieimporte beziehen, gehen doch dort die Reserven schnell zur Neige. Somit konzentrieren sich künftig die Öl- und auch Gasreserven in wenigen Regionen in der Welt – mit nicht unbedingt ausgeprägter politischer Stabilität. Wir müssen somit sobald als möglich wegkommen von den fossilen Energien.

2. Wir müssen zukünftig unseren Strom in erster Linie klimaschonend produzieren. In der Zukunft wird dies mit der Sonnenenergie durchaus möglich sein, und gerade in Regionen mit hoher Sonnenstundenzahl pro Tag kann sich die Solarstromerzeugung tatsächlich rechnen. Richtig, in der Zwischenzeit werden wir unseren Strom mit Kohle-, Gas- und auch Nuklearkraftwerken herstellen. Allerdings produzieren wir mit der Verbrennung von Kohle zu viele klimagefährliche Treibhausgase. Erneuerbare Energien haben den Vorteil, dass sie keine Treibhausgase produzieren. Die Sonnenenergie hat das größte energetische Potenzial. Die Energieversorgung von ganz Europa kann durch Solarenergie in Wüstenregionen auf einer Fläche mit der Größe in etwa wie Belgien sicher gestellt werden.

3. Zwar sind erneuerbare Energien heute noch vergleichsweise teuer, mit steigenden Öl- und Energiepreisen und einem wachsenden Weltmarkt für Ökostrom werden sie aber immer preiswerter. Gewiss muss man zu Beginn viel Geld bereitstellen, um eine neue Technik marktreif einzusetzen, allerdings kann man davon ausgehen, dass auch der technologische Fortschritt die Solartechnik effizienter und preiswerter machen wird. Zudem sind ja schlagkräftige Unternehmen beteiligt, die ohne Marktperspektiven ganz sicher nicht in ein solches Projekt investieren würden.

4. Man könnte mit Solarstrom in Afrika nicht nur eine sichere europäische Energieversorgung ermöglichen, sondern würde durch den technologischen Transfer ebenso den Wohlstand in den Staaten Nordafrikas erhöhen. Somit könnten gleich mehrere Probleme auf einmal bewältigt werden: zukunftsweisende Technik wird entwickelt und eingesetzt, zudem die Energieversorgung sichergestellt und gleichzeitig den Staaten mit konkreten Projekten und innovativen Technologien zu mehr Wohlstand und weniger Armut verholfen – eine nachhaltige und wirkungsvolle Entwicklungshilfe. Es ist richtig, dass es sich hier wirklich um eine Zukunftsenergie handelt, und wir eine flächendeckende Energieversorgung mittels Solarenergie erst in einigen Jahrzehnten umsetzen werden. Dennoch sollte man heute beginnen und alles tun, um erneuerbare Energien überall zu fördern. Und das bedeutet auch die Solarenergie in Nordafrika.

Mit freundlichen Grüßen

—Prof. Dr. Claudia Kemfert, Professorin für Energieökonomie an der Hertie School of Governance und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Am 23. Juni erscheint ihr Buch „Jetzt die Krise nutzen“ im Murmann Verlag.

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