Leserbriefe : Ist Zivilcourage heutzutage lebensgefährlich?

„Gewalt in Bus und Bahn“

vom 3. März

Wie lange noch wollen Senat, Justiz und Polizei diesen entsetzlichen Gewaltexzessen tatenlos zusehen? Die Polizei fasst oft genug die Täter und die Justiz macht auf Strafe light, wenn sie denn überhaupt Urteile spricht.

Es wird Zivilcourage verlangt. Gleichzeitig sagt die Polizei zu Recht, man solle nicht den Helden spielen. Es ist ja lobenswert, dass sie Kurse darüber abhält, wie man sich in Situationen verhalten soll, in denen Gewalt gegen Mitbürger ausgeübt wird. Ich fürchte freilich, dass das alles sehr theoretisch ist. Schreien soll man, wird da zum Beispiel vorgeschlagen. Das mag einige abschrecken, die wirklich brutalen Angreifer wohl kaum.

Schaut man sich die Gewaltorgien der vergangenen zwei Jahre an, dann wird deutlich: es ist lebensgefährlich Zivilcourage zu zeigen und einzugreifen, und sei es auch nur verbal mit dem Hinweis, doch mit den Tätlichkeiten aufzuhören. Das genügt bereits, um zusammengeschlagen zu werden. Nein, wenn man sieht, wie hier Täter geschont und Opfer vom Staat, von der Justiz kaum zur Kenntnis genommen werden, dann verlässt einen der Mut. Die hier noch Zivilcourage zeigen, sind wahre Helden. Nicht jeder ist zum Helden geboren.

Es stimmt, Berlin ist eine Hochrisikostadt geworden, in jeder Hinsicht. Es muss etwas geschehen. So kann es nicht weitergehen. Es sei denn, man resigniert, man kapituliert vor der Gewalt und findet sich mit dem Unabänderlichen ab.

Burkhard Koettlitz,

Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Koettlitz,

wenn erst einmal Helden gesucht werden, um mit der alltäglichen Gewaltbereitschaft umzugehen, dann wäre es bereits zu spät. Heldentum gilt weder für Sie noch für mich als Maßstab. Heldentum nicht, aber auch nicht Resignation. Und was sich da auf bestimmten Linien von Bus und Bahn oder in der U-Bahn abbildet, dass hat doch wohl damit zu tun, das in unserer Gesellschaft die Maßstäbe insgesamt ins Wanken geraten sind. Kein Schläger fällt vom Himmel. Es sind in der Regel die gesellschaftlichen Umstände, die ihn dazu machen.

Welche Art von Gewalt erfahren jedes Jahr junge Menschen, deutschstämmig oder aus Einwandererfamilien, die als halbe oder ganze Analphabeten die Schule ohne einen Abschluss verlassen? Ihre erste unmittelbare Erfahrung ist doch wohl, nicht gebraucht zu werden. Nutzlos zu sein. Wäre da Heldentum gefragt oder doch zuerst eine unmissverständliche Forderung an die politisch dafür Verantwortlichen, endlich Schulformen zu entwickeln, die nicht jedes Jahr an die 80 000 bis 100 000 Verlierer entlassen, die als die Langzeitarbeitslosen von morgen ohne jede Perspektive vor den Türen der Gesellschaft stehen?

Wäre Heldentum von Nöten, wenn sich die Bürger und Wähler nicht länger damit abfänden, dass in der überwiegend dreigliedrigen Selektionsschule, die vor allem in Bayern und in Baden-Württemberg mit Zähnen und Klauen verteidigt wird, die Herkunft eines Schülers entscheidend ist, nicht aber sein Talent? Zusehends wird Bildung zur Ware. Und damit entscheidet zunehmend der Geldbeutel der Eltern, was bildungsnah und was bildungsfern zu sein und zu bleiben hat. Bildung aber entscheidet vor allem anderen darüber, ob sich die Schere zwischen Holzklasse und Platinklasse weiter öffnet.

Nein, um dem entgegenzuwirken und das Gewaltpotenzial zu vermindern, dazu bedarf es keines Heldentums. Dazu bedarf es wacher und verantwortlicher Bürger, die ihre politische und gesellschaftliche Verantwortung nicht resigniert an der Garderobe abgeben und dann nach den Helden zu rufen, die das Schlimmste verhüten sollen. Im Übrigen reicht es zum Handy zu greifen und die Polizei zu rufen, um zu helfen. Schon das wagen die meisten unserer Mitbürger nicht.

Mit freundlichen Grüßen

— Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender

„Gesicht zeigen!“ Aktion offenes Deutschland e. V.

0 Kommentare

Neuester Kommentar