Leserbriefe : Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich

„Warum unsere Wirtschaftsordnung unchristlich ist“ von Alexander Gauland

vom 29. Dezember

Ganz entschieden verwahre ich mich gegen die Behauptung, Herrn Dr. Ackermann bei seinem Tun behilflich gewesen zu sein oder dies weiterhin zu tun, also kann Herr Gauland auch nicht behaupten, wir alle täten es. Fakt ist, dass wir alle Verantwortung tragen, aber jeder ist selbst für sein Handeln verantwortlich und nicht auch für das Agieren anderer.

Herr Gauland hat recht, wenn er missbilligt, dass Milliarden für Manager-Fehlverhalten eingesetzt werden und gleichzeitig an Kindergärten und Schulen gespart wird. Aber unsere Ordnung darf nicht für kriminelle Machenschaften missbraucht werden. Wo das dennoch geschieht, muss gegengesteuert werden. So erscheint es mir als unwahrscheinlich, dass Adam Smith, wenn er von der „unsichtbaren Hand“ spricht, dies auch für den Fall des Verstoßes gegen Recht und Ordnung für legitim hält und dass er die Marktkräfte auch dann als frei und förderlich betrachtet hätte, wenn sich Formationen ausgebildet haben, die weit entfernt von „vollkommenen Märkten“ operieren und stattdessen Monopolstellungen rücksichtslos ausnutzen. Das würde Adam Smith mit Sicherheit nicht befürworten. Deshalb darf man ihm nicht Macht- und Marktmissbrauch zuordnen.

Wenn nämlich einigermaßen faire Marktverhältnisse herrschen, kann der Egoismus, das heißt, das Streben nach Ertrag durch attraktive Geschäftsangebote, durchaus erwünscht sein, weil das dem Fortschritt über Innovationen (Angebote höheren Nutzens) dient. Damit wachsen Märkte, Umsatz, Gewinne, Beschäftigung, Einkommen, Kaufkraft und Wohlstand. Wenn die Häuslebauer in den USA die Gelegenheit ergriffen haben, die ihnen sonst nie geboten worden wäre, liegt das nicht zuletzt daran, dass man sie ihnen aufgedrängt hat – und das wider besseres Wissen.

Die fatalen Folgen ergaben sich nicht aus einer „Ordnung, die auf Eigennutz setzt“, sondern aus purem kriminellem Verhalten, nämlich, um nur die Banker anzusprechen, entgegen dem bekannten Grundsatz, mit der „Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit eines ordentlichen Kaufmanns“ gehandelt zu haben. Niemand ist genötigt, vage Möglichkeiten rücksichtslos auszuschöpfen, sondern er unterliegt als Banker und Kaufmann immer noch den handelsrechtlichen allgemeinen Gesetzen. Eine Ordnung, die Eigennutz zulässt, ist deshalb noch lange keine, die damit auch kriminelles Handeln unterstützt.

Nicht privater Eigennutz, sondern kriminelles Verhalten hat zur Krise geführt. Und das kann man, wie erwähnt, nicht Adam Smith anlasten, der das bestmögliche Allgemeinwohl im Blick hatte und in Wahrheit Moralphilosoph war. Die Ökonomie bot ihm nur Gelegenheit, Gesetzmäßigkeiten dem Gemeinwohl dienlicher Praktikabilität zu erforschen und zu lehren. Eigeninitiative zur Verbesserung der Lebensbedingungen (also nicht nur purer Egoismus), wie sie Adam Smith empfahl, sind für jeden Menschen durchaus probat, und nur aus Böswilligkeit kann das in dieselbe Rubrik geschoben werden wie Kriminalität. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, wohl aber einiges mit Idealismus.

Joachim Lund, Berlin-Marienfelde

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