Leserbriefe : Jüngere Türken stehen im Wertesystem unten

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„Die Söhne sind sozusagen die Ordnungsmacht der Familie“ und „Der jüngste Bruder gesteht die Schüsse auf Hatun Sürücü“ vom 15. September 2005

Die Aussagen von Necla Kelek zum Geständnis des jüngsten Bruders sind ungenau: In diesen Familienstrukturen, deren archaisches Wertesystem übrigens nur teilweise mit dem islamischen Recht korreliert, ist neben der „Ehre“ (türkisch: namus), welche die Funktion hat, den Frauenbereich der Familie vor fremden Männern abzuschirmen, noch ein weiterer WerteFaktor aktiv.

Es handelt sich um die „Achtung“ (türkisch: saygi), welche eine rigide Altershierarchie vor allem unter den Männern (aber auch unter den Frauen) begründet.

Je weiter unten in der Altershierarchie man steht, umso niedriger beziehungsweise unangenehmer sind die Aufgaben, die man verrichten muss. Besonders dort, wo die Gefahr besteht, dass der moderne Staat archaisches Verhalten sanktioniert, wird der archaisch handelnde Vater zur Durchsetzung der Clan-Werte, wie auch zur nachfolgenden Absicherung der Clan-Struktur immer den jüngsten Sohn „opfern“ und nicht einen der Älteren, „wertvolleren“ Söhne.

Es gibt noch einen dritten Werte-Faktor, der dieses archaische System abrundet: Das „Ansehen“ (türkisch: seref) in der größeren Gemeinschaft, welches ein Clan-Oberhaupt unter anderen ClanOberhäuptern nur dann besitzen und bewahren kann, wenn er in seinem Clan „Ehre“ und „Achtung“ strikt aufrecht erhält.

Dr. Hans-Günter Kleff, Berlin-

Tempelhof

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