Leserbriefe : Kann sich die Kirche im säkularen Staat behaupten?

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Zum Volksentscheid Pro Reli/ Pro Ethik

Bei der Abstimmung Pro-Reli-Abstimmung ging es um Menschen, nicht um Gott. Es geht um vernünftige Gründe für humanes Handeln, das keiner religiösen Legitimation bedarf. Denn bis heute liefern Religionen zahlreiche widervernünftige Erklärungsangebote, etwa das vom allmächtigen Schöpfer-Gott, neuerdings das von der intelligenten Konstruktion der Welt, was im Lichte heutiger evolutionsbiologischer Erkenntnisse getrost als Unfug gelten darf.

Um die Welt zu verstehen und vernünftig, d. h. für sich selbst und andere verantwortlich zu handeln, brauchen junge Menschen vor allem beispielgebende Vorbilder im Hier und Jetzt, die ihnen Wissen, Urteilskraft und ethische Selbstverpflichtung vermitteln, nämlich Eltern, Erzieher, Lehrer. Und das Prüfkriterium für humanes Handeln bleibt die menschliche Vernunft, kein Gott.

Dr. Erhard Schwandt, Berlin-Waidmannslust

Das Ergebnis der Abstimmung hat gezeigt: Die Institution Kirche hat in Deutschland nicht mehr den Stellenwert, den sie früher einmal hatte. Sie taugt noch als Träger sozialer Einrichtungen, aber der aufgeklärte Mensch von heute hat gemerkt, dass die vergangenen Jahrhunderte und der Fortschritt auf allen Gebieten an den Kirchen spurlos vorübergegangen sind.

Berlin ist von den Mitgliederzahlen her sicher ein Extrem, aber an den Mitgliederzahlen der Kirchen in den anderen Bundesländern ist ebenfalls zu erkennen, dass das Interesse der Menschen in Deutschland an der Institution Kirche abnimmt. Kaum ein normaler sonntäglicher Gottesdienst ist voll. Die Kirche ist ein Auslaufmodell. An Gott und die Schöpfungsgeschichte glaubt heute kaum noch jemand. Unsere Gesellschaft muss sich Gedanken darüber machen, wie ihre Werte den Kindern und Jugendlichen in Zukunft unabhängig vom Glauben vermittelt werden. Insofern ist Berlin mit Ethik als Pflichtfach und Religion als freiwillig belegbares Fach auf dem richtigen Weg.

Markus Methner, Berlin-Köpenick

Sehr geehrter Herr Dr. Schwandt,

Sehr geehrter Herr Methner,

es gibt Menschen, die wie Sie der Meinung sind, dass humanes Handeln keiner religiösen Legitimation bedarf. Für Kinder solcher Eltern und später religionsmündige Schülerinnen und Schüler, gibt es das Fach Ethik auch in Bundesländern, die Religion als ordentliches Unterrichtsfach haben. Aber für einen großen Teil der Menschen ist ihr religiöser Glaube eine wichtige Quelle von Humanität. Deshalb ist Religionsunterricht in fast allen Bundesländern ordentliches Unterrichtsfach. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland gehören einer Religionsgemeinschaft an, da kann man wohl kaum von einem Auslaufmodell der Kirchen sprechen. Warum soll man ihnen verwehren, die Werte unserer Gesellschaft in Übereinstimmung mit ihrem Glauben in der Schule gleichberechtigt vermittelt zu bekommen? Welchen vernünftigen Grund sollte es dafür geben, frage ich Sie, die Sie so auf die Vernunft pochen? Sie malen ein Bild von Religion und religiösen Menschen, das wenig mit dem gelebten Glauben, jedenfalls der überwältigenden Mehrheit der Christen zu tun hat. Der Fortschritt vergangener Jahrhunderte ist nämlich keineswegs spurlos an den Kirchen vorübergegangen. Sie werden mit Sicherheit weder einen katholischen noch einen evangelischen Bischof in Deutschland finden, der die Evolutionstheorie ablehnt oder glaubt, die Welt sei so erschaffen worden, wie es die Bibel erzählt. Deswegen gibt es auch keinen Lehrplan für den Religionsunterricht mit solch einem Inhalt.

Als Beispiel für religiöse Irrationalität führen sie den Schöpfungsglauben an. Es gibt Wahrheiten, wenn man sie ergründen will, muss man Ursache und Wirkung kennen, wie die Wahrheit der Evolutionstheorie. Und es gibt Wahrheiten, da muss man Geschichten erzählen. Die über 2000 Jahre alten Schöpfungsgeschichten der Bibel sagen: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen nach seinem Bild. Das bedeutet: Das Ganze ist gut und hat einen Sinn! Und es macht Sinn für uns Menschen, diese Erde zu bewahren, uns in dieser Welt zu engagieren und in Liebe zu allen Menschen zu wirken, denn sie haben aufgrund ihrer Gottebenbildlichkeit alle eine große Würde. Das ist der Sinn des Religionsunterrichts an Schulen: jungen Menschen im Horizont des heutigen Weltbildes die Schrift und ihre Religion so zu deuten, dass sie mit dem heutigen, wissenschaftlichen Weltbild, der Vernunft und den Grundwerten unserer Verfassung nicht in grundsätzlichen Konflikt gerät und wir trotz unterschiedlicher Weltanschauungen friedlich und gemeinsam Welt und Gesellschaft gestalten.

Missbrauchen und zur Ideologie machen kann man alles, sowohl Religion als auch Vernunft. Die Französische Revolution übte Terror im Namen der Vernunft aus, islamistischer Terror tut es heute im Namen Gottes. Deswegen ist es klug, Religion in der Mitte der Gesellschaft zu halten, in der kritischen säkularen Umgebung einer Schule oder Hochschule. An den Rand gedrängt kann sie leicht fundamentalistisch werden. Deswegen ist es gut, wenn der religiöse Glauben sich jederzeit kritisch durch die Vernunft befragen lässt und die Vernunft ihre Grenzen kennt. Welchen Sinn könnte denn die Evolutionstheorie dem Menschen geben? „Wir fühlen“, sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein, „dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unserer Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Vernunft und Religion auf gleicher Augenhöhe, das ist gut für beide. Oder anders ausgedrückt, es ist einfach vernünftiger.

Mit freundlichen Grüßen

— Winfried Kretschmann ,

Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg und Mitglied

im Zentralkomitee der deutschen Katholiken

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