Leserbriefe : Kann „Sitzenbleiben“ wirklich als Chance gesehen werden?

Zur Berichterstattung über das jahrgangsübergreifende Lernen

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Zusammenhang mit kleinen Kindern von „technischen Problemen“ zu sprechen, mutet schon befremdlich an. Die höhere Verbleiberrate ist bestimmt keine Chance, weil die großen Kinder, die eigentlich in der dritten Klasse sein müssten, mit den Schulanfängern von der Größe und Entwicklung her überhaupt nicht zusammen passen.

Außerdem werden in dieser „Flexibilisierungsphase“ bereits die ersten Kinder für die Sonderschule „aussortiert“. Für die betroffenen Kinder ist das eine Katastrophe, da sie ihre Freunde verlieren und einen weiteren Schulweg haben. Neue Freundschaften werden durch die unterschiedlichen Wohnorte fast unmöglich gemacht. Das dritte Jahr in der ersten Klasse ist eins zuviel! Das muss anders gelöst werden!

Regina Kröning, Berlin-Spandau

Sehr geehrte Frau Kröning, die von Ihnen berichteten Erfahrungen stimmen sorgenvoll, aber ich denke, dass die Ursachen für die von Ihnen genannten Schwierigkeiten nicht der Jahrgangsmischung in der flexiblen Eingangsstufe zugeschrieben, sondern überhaupt nur durch dieses System behoben werden können. Ganz sicher ist die Grundschulreform nicht optimal umgesetzt worden, weil offenbar zu viele Maßnahmen gleichzeitig und unter sehr ungünstigen Rahmenbedingungen eingeführt wurden: die Senkung des Einschulungsalters, die Abschaffung der Schuleingangsauslese, die Einführung der flexiblen Eingangsstufe mit der Jahrgangsmischung, die Abschaffung der ersten und zweiten Klassen in den Sonderschulen für lernbehinderte Kinder, die Einführung der Ganztagsschule und, und, und. Und natürlich musste alles „kostenneutral“ geschehen.

Nur: Was war eigentlich der Anlass all der Reformen? Ein miserables Abschneiden der Bundesrepublik im Pisa-Test, dramatisch schlechte Lernbedingungen für Kinder mit Migrationshintergrund, ein im internationalen Vergleich viel zu hohes Einschulungsalter und weit überdurchschnittliche Rückstellungsquoten schon bei der Einschulung. Hätten die Schulsenatoren da die Hände in den Schoß legen und gar nichts tun sollen?

Wer das Jahrgangsklassensystem verteidigt, muss sich fragen lassen, wie er damit der realen Heterogenität gleichaltriger Kinder pädagogisch gerecht werden will. Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie seit langem, dass sich Schulanfänger ein und desselben Geburtenjahrgangs im Entwicklungsalter um bis zu drei Jahre unterscheiden können. Welchen Sinn macht es eigentlich, sich völlig unterschiedlich entwickelnde Kinder in Jahrgangskohorten im Gleichschritt durch das Schulsystem marschieren zu lassen? Warum sollen nicht die einen schneller und die anderen langsamer durch einzelne Entwicklungsphasen gehen dürfen? Die Jahrgangsklasse produziert ständig die Illusion einer real überhaupt nicht gegebenen Leistungshomogenität und stößt die Kinder mit Lernproblemen dann einfach als „Sitzenbleiber“ ab.

Wer, wie es leider auch in dieser Zeitung geschah, das längere Verweilen in der flexiblen Schuleingangsphase als „Sitzenbleiben“ tituliert, verkennt das ganze System. Die flexible Schuleingangsphase kennt in den ersten Jahren keine standardisierte Verweildauer mehr, sondern will jedem Kind die für dieses Kind optimale Lernzeit gewähren. Wer vorher schon beim Schuleintritt zurückgewiesen wurde und häufig in einem wenig förderlichen Milieu verblieb, kommt jetzt früher in die Schule und wird früher professionell gefördert. Wenn Kinder mit schlechten Lernvoraussetzungen oder auch Kinder, die in einer Entwicklungsphase mal etwas länger brauchen, nun in der ihnen vertrauten Bezugsgruppe mehr Zeit bekommen, ist das kein Manko des Systems, sondern ein Zeitgeschenk.

Die Jahrgangsmischung ist eine seit über 80 (!) Jahren in vielen Ländern der Welt und auch in Deutschland erprobte und bewährte Organisationsform schulischen Lernens. Sie basiert auf der sozialen Kraft flexibel organisierter Lerngruppen, die nicht nach ihrem Geburtsjahr, sondern nach ihrem individuellen Leistungsvermögen zusammengestellt werden. Das ist didaktisch anspruchsvoll und überfordert zunächst manche Lehrer. Aber Lehrer sind Fachleute für Lernen – auch für das eigene Weiterlernen. Wer genauer wissen will, worum es eigentlich geht, schaue mal bei Wikipedia unter „Jena-Plan“ nach. Oder man hospitiere in jenen Berliner Grundschulen, die das System seit langem erfolgreich realisieren. Die meisten dieser Schulen haben sich allerdings schon vor vielen Jahren auf die Herausforderung der individuellen Förderung der Kinder eingelassen und zum Teil auch in anderen Ländern hospitiert, um zu lernen, wie das praktisch geht.

Mit freundlichen Grüßen Prof. Jörg Ramseger

— Professor für Schulpädagogik und Leiter der Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe an der FU Berlin.

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