Leserbriefe : Kann wirklich jeder einen Demenzkranken pflegen?

„Streit über Pflegejobs für Arbeitslose / Fachpolitiker äußern Bedenken gegen Einsatz von Assistenten zur Betreuung von Demenzkranken“

vom 18. August

Gesundheit ist ein wichtiges Gut. Wahrscheinlich gehen Sie auch zu einem Arzt oder sogar zu einem Facharzt, wenn Sie erkrankt sind. Sie geben wahrscheinlich Ihr defektes Auto in eine Werkstatt, welche autorisiert ist, Autos zu reparieren, ich meine einen Meisterbetrieb. Sie gehen nicht zum Bäcker oder Schuhmacher, wenn Sie Pflege benötigen.

Der Pflegeberuf ist ein Ausbildungsberuf, welcher drei Jahre dauert. Macht man eine Fachweiterbildung, kann das zusätzliche zwei bis vier Jahre dauern.

Jetzt sollen Laienpflegekräfte mit einem 160-Stunden-Lehrgang auf Menschen mit Demenzerkrankung losgelassen werden. Diese Erkrankten brauchen aber erst recht professionelle Pflege, um zu fördern und das Wenige, was noch da ist, zu erhalten. Es ist nicht realistisch zu glauben, dass diese Laienpfleger nur zum Zeitungvorlesen oder Ähnlichem herangezogen werden würden. Die besten Beispiele zeigen die Zivildienstleistenden in den Einrichtungen.

Die Zivis werden als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt und sind oft eigenverantwortlich auf Stationen eingesetzt. So würde es jedem Laienpfleger auch gehen. Und es werden Fehler gemacht, viele Fehler. Aber man kann es diesen armen, völlig überforderten Laienpflegekräften nicht übel nehmen, denn sie tun wirklich ihr Bestes. Aber das allein reicht eben nicht.

Menschen zu pflegen ist eine hochqualifizierte Arbeit. Dies werden Menschen, welche von qualifizierten Pflegekräften gepflegt wurden, bestätigen.

Maria Schulze, Berlin-Lankwitz

Sehr geehrte Frau Schulze,

Angehörige, aber auch professionell Pflegende stehen vor einer großen Herausforderung bei der Pflege und Betreuung Demenzkranker. Hierfür bedarf es viel Kraft und Zeit. Die Pflegeversicherung berücksichtigt bereits diesen erheblichen allgemeinen Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf. Allerdings waren die besonderen Notwendigkeiten bei der Betreuung Demenzkranker in der Vergangenheit nicht ausreichend abgedeckt. Das haben wir mit der Pflegereform geändert. Sowohl im ambulanten Bereich, in dem es nun zusätzliches Geld für die Betreuung gibt, als auch im stationären Bereich mit der Einführung von Betreuungsassistenten.

Es geht also bei unserer Debatte um bessere Leistungen und zusätzliches Personal. Das ist erforderlich und kein Anlass für Kritik. Dabei gilt nach wie vor: Pflegekräfte tun das, wozu sie ausgebildet und qualifiziert sind: pflegen. Die neuen, zusätzlichen Betreuungsassistenten sollen in den Heimen ergänzend bei der Betreuung Demenzkranker helfen und assistieren, sie arbeiten im Team mit, sie pflegen aber nicht. Sonst hätten wir das Gesetz anders formuliert. Ihre Aufgabe ist es, in enger Kooperation und fachlicher Absprache mit den Pflegekräften und den Pflegeteams die Betreuungs- und Lebensqualität der betroffenen Heimbewohner zu verbessern. Sie sollen „sich kümmern“. Die Kranken erhalten mehr Zuwendung und mehr Chancen auf ein besseres Dasein. Das ist voll und ganz im Sinne der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Die in den letzten Tagen vorgebrachte Kritik geht daher völlig fehl. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Zunächst: Die Arbeitsagenturen verpflichten niemanden gegen seinen Willen. Im Gegenteil: Jeder und jede, der oder die sich für diese Arbeit interessiert, muss zunächst ein fünftägiges Orientierungspraktikum in einem Heim absolvieren. Erst danach wird über eine weitere Beschäftigung und Qualifizierung entschieden.

Es gibt ganz klare Vorgaben, welche Qualitätsanforderungen an die künftigen Betreuungsassistenten zu stellen sind und welche konkreten Aufgaben sie haben. Hierzu gehören z.B. Lesen, Malen, Spazierengehen, gemeinsames Kochen und Backen, oder auch Beschäftigung mit dem bisherigen Lebensweg des Kranken. Das ist in den Richtlinien des Spitzenverbandes Bund der gesetzlichen Krankenversicherung geregelt, die das Bundesministerium für Gesundheit genehmigt hat. Jetzt kommt es darauf an, die ersten Kräfte möglichst zügig einzusetzen. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt uns dabei tatkräftig. Bei ihr sind gegenwärtig etwa 35 000 Frauen und Männer mit grundsätzlich geeigneten Qualifikationen arbeitslos gemeldet. Unter ihnen dürften viele potenziell geeignete Kandidaten sein, von denen eine erhebliche Anzahl als zusätzliche Betreuungskräfte gewonnen werden können. Aber grundsätzlich kann sich jeder bewerben.

Wer die notwendigen persönlichen Voraussetzungen mitbringt und die Qualitätsanforderungen erfüllt, kann sich dieser wichtigen neuen Aufgabe stellen. Die Arbeitsagenturen werden das bei der Fort- und Weiterbildung und der Vermittlung potenzieller Kandidaten sehr genau beachten.

Über Qualifizierungsmaßnahmen, die mindestens 160 Stunden und zwei Praktika umfassen, werden die Betreuungsassistenten umfangreich im Umgang mit Demenzkranken geschult und ausgebildet. Zuletzt entscheidet das Pflegeheim, welche Person als Betreuungsassistent oder -assistentin eingestellt wird. Wir werden es erleben: Viele Menschen, auch ehemals Arbeitslose, werden in diesem neuen und wichtigen Betätigungsfeld ganz hervorragende Arbeit leisten.

— Ulla Schmidt (SPD) ist Bundesministerin für Gesundheit.

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