Leserbriefe : KATRIN GÖRING-ECKHARDT (40) „Ich musste den politischen Alltag überlisten“

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BERUF

Grünen-Politikerin,

Bundestagsvizepräsidentin

LEBT IN

Ingersleben in Thüringen und in Berlin

FAMILIE

Ein Bruder, seit 18 Jahren verheiratet, zwei Söhne, 14 und 16 Jahre alt

RENTENEINTRITT

Voraussichtlich 2036

ALTERSVORSORGE

Bundestagspension

und gesetzliche

Rentenversicherung

Meine erste Erfahrung mit der demografischen Krise in Deutschland hätte fast zum Ende meiner politischen Karriere geführt – zumindest glaubte ich das damals. Als neue Sozialpolitikerin der Grünen im Bundestag noch in Bonn kam ich in einem internen Papier zu dem Schluss, dass die Rentenhöhe nicht zu halten sei. Weil irgendwer das einer Nachrichtenagentur steckte, gab es eine riesige Aufregung: Kanzler Gerhard Schröder rief wütend bei Vizekanzler Joschka Fischer an und verlangte, wir sollten das sofort zurückziehen. Es stand eine Landtagswahl bevor, die Wähler sollten sich ja nicht aufregen.

Wir blieben aber standhaft. Im Vergleich zu den Schritten zur Sicherung der Rente, die heute diskutiert werden, ging es damals nur um „Peanuts“. Aber die Leute waren darauf nicht vorbereitet. Als ich mich später mit anderen jungen Kollegen zusammensetzte, um die Kinderpolitik als neues, zentrales Thema für die Grünen auszurufen, waren die Reaktionen aus den eigenen Reihen anfangs auch sehr reserviert, um es milde zu sagen. Da sind wir heute ein großes Stück weiter.

Als Mutter zweier damals noch kleinerer Kinder habe ich den politischen Alltag übrigens schon manchmal überlisten müssen, denn der parlamentarische Betrieb nimmt da wenig Rücksicht. Zum Beispiel habe ich mit einem CDU-Abgeordneten ein Abkommen getroffen, dass wir beide Abstimmungen fernblieben, wenn es bei einem meiner Söhne ein Theatervorspiel gab oder einfach großen Kummer. So war unsere damalige rot-grüne Mehrheit nicht in Gefahr, ich stimmte nicht dafür, er nicht dagegen – und unsere Familien profitierten.

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