Leserbriefe : Kein Antiamerikanismus, sondern eine Aufforderung an Bush

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Betrifft: „Politisch naive Proteste“ im Tagesspiegel vom 18. Februar 2003

Eine intellektuelle Glanzleistung haben die Mitglieder des Berliner „Bündnisses gegen Antisemitismus“ ja wohl nicht abgegeben, nachdem sie sich nach sicherlich vierstündiger Beobachtung der Demonstration der 500 000 am 15. Februar zu einer soziostatistisch abgesicherten Analyse zusammenfanden, die in einem offenen Brief an die Friedensbewegung resultierte. Darin wird die wie oben gewonnene Erkenntnis verbreitet, dass auf den Transparenten und Schildern „das ganze Arsenal“ amerikafeindlicher Ressentiments zu finden gewesen sei.

Ich war offensichtlich vier Stunden lang auf einer ganz anderen Demonstration. „Das ganze Arsenal“ der Transparente unterschied sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht wesentlich von den hunderttausenden „Nowar-on-Iraq“-Schildern, die trotz massiver Behinderung der Versammlungsfreiheit von New York bis San Franzisco zeitversetzt am selben Tage durch die Straßen getragen wurden, sicherlich aus purem „Antiamerikanismus“. Dahinter stand kein „abstrakter“ Wunsch nach Frieden, sondern dort wie hier die konkrete Aufforderung an die Bush-Regierung, von ihren primär wirtschaftlichen Zielen in Nahost abzusehen, weil der Preis zu hoch sei: Das Leiden der irakischen Bevölkerung unter Saddam würde durch das Leiden tausender Sterbender, hunderttausender Verletzter und von Millionen von Flüchtlingen potenziert. Der Nahe Osten würde zum Hexenkessel und die Zahl der Terroristen sich ganz ohne Saddams Unterstützung massenhaft vermehren. Es ist „politisch naiv“ zu glauben, Israel würde sicherer, wenn überall Amerika wäre.

Erika Falkenreck, Berlin-Zehlendorf

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