Leserbriefe : Keine Modediagnose

„Kränkungen, die krank machen“

von Rosemarie Stein vom 22. April

Es mag ja zutreffen dass es bei Beziehungsstörungen oder Familienkrächen zu Problemen kommt, die der Psychiater Ulrich Linden „Verbitterungsstörung“ nennt. Mit der von Psychologen und Opferverbänden 1980 mühsam erkämpften Diagnose „posttraumatische Belastungsstörung“ hat dies nichts zu tun. Es ist auch keine „Modediagnose“, sondern betrifft zumeist Menschen die in Diktaturen physische oder psychische Misshandlungen erlitten haben. In diesem Zusammenhang ist es auch verkehrt und kontraproduktiv, beispielsweise Betroffenen mit christlichen Argumenten der Moralkeule eine „Versöhnung“ mit ihren ehemaligen Peinigern nahezulegen. In der DDR wurde ein extra für die Staatssicherheit geschaffenes Fach „Operative Psychologie“ benutzt um durch Zersetzung politische Gegner oft bis zu ihrem Lebensende psychisch zu schädigen.

Die auch von der Autorin wiedergegebene Ansicht, dass bei der geforderten „Versöhnung“ es Voraussetzung für die gequälten Opfer ist, sich auch einmal in die Standpunkte des Täters und seiner Gefühle hineinzudenken, ist für den betroffenen Patienten geradezu makaber. Personen mit posttraumatischen Belastungstörungen kann nur geholfen werden, indem man in der Therapie anerkennt, dass es sich um objektiv berechtigte Gefühle und Anklagen handelt und nicht etwa um eingebildete private Probleme.

Bernd Heller, Berlin-Charlottenburg

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