Leserbriefe : Kinder brauchen mittags nichts Warmes

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„Acht Stunden in der Schule ohne warmes Essen“ vom 3. Dezember 2005

So sehr die aktuelle Sorge um die gesunde Ernährung der Berliner Schulkinder lobenswert ist, sie trägt doch auch absurde, wenn nicht gar heuchlerische Züge. Bevor man die Zwangsverpflichtung von Eltern und Kindern diskutiert, sollte man die Qualität des Essens einer kritischen Betrachtung unterziehen.

Zur Unkenntlichkeit verkocht, seit dem frühen Morgen warmgehalten, regelmäßig aus zweifelhaften Klassikern wie Pommes und Bockwurst oder Grießbrei mit Mengen an Zucker und Zimt bestehend, so habe ich das Kita- und Schulessen kennen gelernt. Soll man dazu jemanden zwingen?

ABM-Kräfte werden in türkisch und arabisch sprechende Familien geschickt, um den Eltern klarzumachen, dass es nicht reicht, den Kindern erst am Abend ihr erstes warmes Essen zu geben. Wo steht das geschrieben? Könnte es sein, dass hier eine überkommene deutsche Essensroutine zur Norm erhoben wird? In anderen Ländern leben die Menschen seit eh und je damit, ihre warme Hauptmahlzeit auf den Abend zu verlegen.

In meiner Familie bekommt niemand vor dem Abend eine warme Mahlzeit, auch nicht am Wochenende. Meine Kinder haben sich zum frühestmöglichen Zeitpunkt von der institutionellen Mittagsverpflegung abgemeldet und gedeihen ganz gut mit einer warmen Mahlzeit am Abend. In genereller Form die Eltern an den Pranger zu stellen, die ihre Kinder nicht der Schulverpflegung zuführen wollen, scheint mir kein guter Ansatz, um die Ernährungslage der Kinder in dieser Stadt zu verbessern.

Prof. Dr. Barbara Krahé,

Berlin-Schlachtensee

Auf keinen Fall sollte man solchen sozial verwahrlosten Eltern noch mehr Geld in Form von Zuschüssen geben! Deren geistiger Horizont besteht nur noch aus: Computern („Flirt-Line“) – Talkshow – Gameboy – Handy – Zigarette – Alkohol.

Diese so genannten Eltern, die ihre Verantwortung an die „Arche“ und andere Gutmenschen abgeben, müssten zu Hauswirtschaftskursen und Führen eines Haushaltsbuches gezwungen werden, damit sie lernen, mit dem Einkommen auszukommen.

Laut Statistischem Bundesamt mussten früher 25 Prozent des Einkommens für die Ernährung einer Familie ausgegeben werden, heute sind es nur noch 13 Prozent. Und Kindergeld gab es früher auch nicht! Dennoch war es selbstverständlich, dass unsere Mütter für uns gekocht haben.

Marianne Genrich,

Berlin-Reinickendorf

Warum lässt man das Kindergeld nicht direkt den Kindern zukommen? Das würde bedeuten: Verpflegung in der Schule kostenlos, massiv gesenkte Kitagebühren, freier Eintritt im Schwimmbad, Museum usw., stark verbilligte Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr. Das erhöht die Bildungschancen der Kinder und hilft den Eltern, die ihren Aufgaben nicht immer gewachsen sind.

Petra Wurl, Berlin-Steglitz

Leider wird bei der aktuellen Diskussion über ein warmes Mittagessen in der Schule völlig außer Acht gelassen, dass an „normalen“ Gymnasien der Schulalltag schlimmer aussieht als der an den Ganztagsschulen. Sehr oft haben die Schüler hier überhaupt nicht die Möglichkeit, einen Imbiss, ein warmes Getränk, geschweige denn ein warmes Mittagessen einzunehmen. Der Schulalltag umfasst am Gymnasium an einigen Tagen bis zu neun Stunden, große Pausen von 20 Minuten gibt es zwei bis drei, am Nachmittag gibt es nur noch Fünf-Minuten-Pausen. Wenn an diesen Tagen mittendrin auch noch Doppelstunden Sport auf dem Programm stehen und es danach wieder voll auf Pisa-Kurs geht, sind die Schüler „echt geschafft“.

In welchem Betrieb würden sich die Arbeitnehmer das bieten lassen? Wir behelfen uns seit Jahren mit Lunchpacketen, aber ein warmes Mittagessen gibt es auch bei uns nur am Abend! Aber vielleicht kommt ja zu uns einmal ein Familienhelfer, der mir erklärt, dass das so aber nicht geht. Und wie dann?

Carola Paulus, berufstätige Mutter

mit zwei halbwüchsigen Gymnasiasten, nicht allein erziehend, Berlin-Zehlendorf

Wenn das Land Berlin schon kein Geld für unsere Kinder ausgeben will, sollten die Schulen lieber an drei Tagen ein vernünftiges Essen für drei Euro anbieten und an den anderen zwei Tagen auf Selbstverpflegung mit warmer Abendmahlzeit in der Familie setzen.

Joachim Falkenhagen, Berlin-Köpenick

„Von der Tafel an die Tafel“

vom 4. Dezember 2005

1949 wurde ich stationär wegen Unterernährung behandelt. Ich gehörte zu den sehr unterernährten Kindern (dicker Bauch, ausgemergelte Gliedmaßen), die für Anschauungsmaterial über deutsche Nachkriegskinder von einem wissenschaftlichen Team photographiert wurden. Durch einen großen Zufall fand ich einen Tag vor dem Erscheinen des Artikels über die Schulspeisung den von mir schon verloren geglaubten Karton mit Schulheften aus meiner Volksschulzeit an der Nordschule in Zehlendorf. Ich war damals zehn Jahre alt. In einem Heft – „Niederschriften“ – befindet sich folgender Aufsatz, dessen Inhalt Sie vielleicht interessiert. Das Datum steht nicht über der Klassenarbeit, es handelt sich aber um den Winter 1946/47:

„Die Schulspeisung

im vergangenen Winter

Da es im Winter so kalt war, und die Schulen keine Kohlen bekamen, hatten wir keinen Unterricht. Aber Schulspeisung gab es doch. Man mußte nur 600 g Nährmittelmarken für einen Monat abgeben, während man vorher noch außerdem Fleisch, Zucker und Fettmarken abgeben mußte. Es gab auch eine englische Spende. Jeden fünften Tag bekamen wir eine Tafel Schokolade und jeden zehnten Tag ein Stück Käse. Das hat uns Kinder sehr gefreut. Auch war die Suppe immer sehr dick und fett. Fast alle Mädchen aus unserer Klasse haben mitgegessen. Aber diese gute Schulspeisung dauerte nur zwei Monate. Dann hatten wir wieder Schule. Diesen Monat muß man auch die anderen Marken abgeben, und es gibt auch keine Sonderzuteilung. Wir würden uns alle sehr freuen, wenn es wieder die bessere Schulspeisung gäbe.“

Mir hat die Schulspeisung die Gesundheit, wenn nicht gar das Leben gerettet.

Hella Schacher, Berlin-Zehlendorf

Anfang der 50er Jahre wurden die ersten Zuschüsse zur Schulspeisung – seitens der US-Amerikaner – wieder eingestellt. Nicht zuletzt, weil es (fast) allen wieder besser ging. Heute, über fünfzig Jahre später, sitzen Kinder wieder hungrig im Unterricht. Dies passiert in einem reichen Land wie Deutschland, in dem die Ressourcen immer ungerechter verteilt sind. Ein Zeugnis der wachsenden Armut – und ein wahres Armutszeugnis!

Martin Bloem, Prenzlauer Berg

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