Leserbriefe : Kinderreiche Familien werden ausgegrenzt

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Betrifft: „Die Kinder sind die Dummen“ vom 24. September 2003

In Ihrem Artikel berichten Sie über die „Gleichgültigkeit“ und „Selbstbedienungsmentalität“ der Eltern hinsichtlich des Schulbücherkaufes. Es ist richtig, dass der Großteil der ausländischen Eltern die Elternabende vermeidet. Vielleicht wegen ihrer „Gleichgültigkeit“, vielleicht aber auch deshalb, weil sie selbst „bildungsfernen“ Familien angehören, vielleicht aber auch nur wegen ihrer fehlenden Sprachkenntnisse. Aber auf keinen Fall, weil sie „bildungsfeindlich“ sind.

Eine Sache findet wenig Beachtung: Herrschende Armut bei kinderreichen Familien und ihre Achtung in der Gesellschaft.

Ich selbst habe fünf Kinder und finanzielle Schwierigkeiten, obwohl ich als Angestellter nicht schlecht verdiene. Mein Gehalt reicht trotzdem nicht mal für den halben Monat und ich muss sehen, wie ich über die restliche Zeit mit wenig Geld klarkomme. Diese Schwierigkeit kann ich nicht öffentlich zugeben: Dann muss ich das Argument hören, warum ich mir so viele Kinder angeschafft habe. Ich musste einige meiner Ausgaben schon reduzieren: Kündigung der Teilkaskoversicherung für meinen kleinen gebrauchten Wagen, Abbestellung meines TagesspiegelAbonnements (dabei vermisse ich es so sehr), Reisen mit der Familie kann ich nicht mehr. Ich rauche nicht, ich trinke keine alkoholischen Getränke, besuche weder Oper, noch Theater oder Kino. Meine Schuhe kaufe ich für 8 Euro bei Aldi oder Lidl und trotzdem reicht das Geld vorne und hinten nicht.

Ich musste für meinen Sohn in der 10. Klasse für 60 Euro und für meinen Sohn in der 5. Klasse für 36 Euro Schulbücher kaufen. Mir fiel es wirklich schwer. Viele ausländische Eltern haben mehrere Kinder. Sie sind entweder arbeitslos oder verdienen nicht viel. Diese mittellosen Menschen sollen noch in der Schule ihrer Kinder ihre finanziellen Schwierigkeiten durch Bescheinigungen vom Wohnungsamt oder Sozialamt nachweisen! Was würden die Lehrer, Mitschüler oder der Leiter der Schule über die Kinder denken? Wie würde Ihr Kind dies dann in der Schule verkraften? Wer sich das ausgedacht hat, hat leider nicht bis zum Schluss gedacht.

Ahmet Algan, Berlin-Neukölln

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