Leserbriefe : Kirche als moralische Instanz unserer Gesellschaft?

„Gut ohne Gott“ von Bas Kast

vom 13. November

Respekt und Anerkennung! In der Tat ist die Frage mehr als berechtigt und längst überfällig, inwieweit eine derartige Privilegierung der Kirchen und Religionen in unserer heutigen Gesellschaft noch gerechtfertigt und demokratisch legitimiert ist. Ein wachsender Teil der Deutschen bekennt sich zum Humanismus/Atheismus, findet sich aber in den wichtigen Institutionen dieses Landes nicht vertreten. Fragen wir also unsere Politiker, wie sie sich eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche vorstellen! Dem Anspruch und der Behauptung der Kirchenvertreter, Ethik und Moral seien Hauptanliegen dieser Institutionen, ist entgegenzuhalten, dass solche Ziele - wie allgemeine Bürgerrechte, freies Denken, Gleichberechtigung, eine tolerante Gesellschaft - gerade gegen den Widerstand der Religionen erkämpft und durchgesetzt werden mussten. Und das gilt es, zu verteidigen und weiterzuentwickeln, denn eine latente Bedrohung dieser Werte durch Religiöse ist nicht zu leugnen. Erinnern wir uns nur an die unsägliche Rolle der Kirchen, an die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Frauen allgemein, an die Verfolgung der Aufklärer durch die Kirche bis in die Neuzeit. Kirche also als moralische und notwendige Instanz einer aufgeklärten, säkularen Gesellschaft? Der Vatikan hat bis heute als einziger Staat in Europa (neben Weißrussland!!) die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet. Eine Religion, die einen Glauben verbreitet, den sie als einzig und wahrhaftig bezeichnet, kann kaum tolerant sein. Eine wirklich säkulare Gesellschaft sollte damit aufhören, noch unmündige Kinder religiös-dogmatisch zu erziehen; wenige Generationen später würden wir höchstwahrscheinlich in einer friedlicheren Welt leben. Der radikale Islamismus hält uns insofern einen Spiegel vor, mit dem unsere christlich geprägte Kultur gefordert ist, ihrerseits die Gesellschaft auf der Basis der Vernunft weiterzuentwickeln.

Wolfgang Hirschfeld, Duderstadt

Leider hat der Autor den historischen Werdegang der heute von uns verfochtenen Grundwerte völlig ignoriert. Die Säulen unserer Kultur sind nämlich durchweg religiösen Ursprungs. Weil der Mensch aber die Denkmuster seines Kulturkreises mit der Muttermilch aufsaugt, kann auch der Atheist gar kein eigenes, von dem der Gläubigen abweichendes Gewissen haben, es sei denn, er entscheidet sich für die Barbarei. Der Atheist ist demnach mehr Christ, als er gerne wahrhaben will. Sonst würde er wohl konsequenterweise auch auf die Sonntage, Weihnachts-, Oster- und Pfingstfeiertage, Karfreitag und Himmelfahrt verzichten können.

Klaus Schubert, Berlin-Lichterfelde

Humanismus und Religion haben einen wichtigen Platz im ethischen Diskurs. Wenn aber Herr Kast von der Annahme ausgeht, die Religionen haben die Welt völlig falsch erklärt ( ich vermute, er meint es in naturwissenschaflicher Hinsicht), so ist dies ein Missverständnis: Religionen haben heute gar nicht den Anspruch die (naturwissenschaftliche) Wahrheit über unsere Entstehung zu verbreiten (von den Fundamentalisten mal abgesehen), sie wollen und können uns nur Metaphern anbieten, die wir lesen müssen. Folglich ist Herr Kasts Schlussfolgerung zu ethischen Leitlinien der Kirchen unlogisch und falsch. Außerdem soll es auch Konfessionlose geben, die sich gerne in ethischen Fragen durch die Kirchen vertreten lassen.

Hans Queisser, Berlin-Lichtenrade

Verständlich, wenn in Zeiten des religiös motivierten Terrors alle Glaubensinhalte kritisch beleuchtet werden. Die Mitwirkung der Kirchen in öffentlichen Bereichen des Staates mag zu Recht immer wieder auf den Prüfstand gehören, nicht zuletzt stellen sie sich selber gerade der gerichtlichen Entscheidung mit ihrer Verfassungsbeschwerde zur Einhaltung der Sonntagsruhe. So lange demokratische Regeln dies vorsehen, bleibt die Kirche Bestandteil dieser demokratischen Ordnung. Dass keine nennenswerten politischen Strömungen existieren, die dies ändern wollen, mag daran liegen, dass der Atheismus nicht homogen ist. Atheismus an sich ist noch kein Humanismus. Ersterer ist nicht notwendigerweise „aufgeklärt" und damit für sich geeignet, ethische Fragen zu beantworten. Wenn Bas Kast von „aufgeklärten atheistischen" Menschen schreibt, vertritt er ein unrealistisches, romantisches Menschenbild. Ob der Atheismus eine „Stimme" im Staat bekommen sollte? Er hat sie bereits, denn: Die Freiheit des Glaubens und des weltanschaulichen Bekenntnisses ist unverletzlich. (Art.4, Abs.1 GG)

Barbara Leding-Benesch,

Berlin-Lichterfelde

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben