Leserbriefe : Klassenkampf von oben

„Die Armuts-Heuchler“

von Hans-Olaf Henkel vom 29.November

Hans-Olaf Henkel steht leider nicht alleine mit dieser Haltung. Nun ist es aber auch nicht neu oder gar originell wenn er meint, dass „die Sozialpolitiker Armut und Mitleid brauchen, um damit auf die Mühlen ihrer Politik zu lenken“. Ich glaube aber, die Kernaussage von Herrn Henkels Text ist nur die Fortsetzung der Debatte, die Peter Sloterdijk vor Wochen begonnen hat. Dieser fordert die Abschaffung des bisherigen Steuersystems und an dessen Stelle sollten freiwillige Leistungen treten, damit die Leistungsträger und Geber, wie er sie nennt, „auch mal Genugtuung erfahren“. Als ob die Wohlhabenden nicht auch von einer Infrastruktur im Verkehr und von einem funktionierenden Bildungssystem profitieren würden. Aber diese Form des Klassenkampfes von oben, passt nur zu gut in aktuelle schwarz-gelbe deutsche Innenpolitik, mit Steuerprivilegien für Hotels und Steuerentlastungen für Erben. Dabei konnte mir bisher noch niemand erklären, worin zum Beispiel die Leistung einer Erbschaft liegt.

Michael Mohr, Köln

Immanuel Kant fasste seinerzeit den Beitrag von Hans-Olaf Henkel in einem Satz zusammen: „ Sozialstaatliche Fürsorge erscheint als Austeilung eines Raubes, den man anderen entwendet hat.“

Siegfried Kleinhans,

Berlin-Siemensstadt

„Alle Jahre wieder“ gefällt sich Henkel als Antwortgeber auf so gar nicht gestellte Fragen. Dabei stets darauf bedacht, die Dinge in der Weise „klarzustellen“, dass am Ende tatsächlich möglichst viele sein X für ein U halten mögen. Allerdings mit einem so langsam veralteten Trick: Das stete switchen zwischen „relativ“ und „absolut“. Ich gebe zu, dass einem wie ihm in der umgangssprachlichen Armutsdiskussion die Anwendung dieses Tricks auch leicht gemacht wird.

Deshalb möchte ich dieses jetzt zu ändern helfen: Ich appelliere, künftig nicht von einer sich stetig öffnenden Reichtums-Armutsschere zu sprechen, sondern besser davon, was wohl zutreffender gemeint sein wird: Es öffnet sich die Wohlstands–Anstandsschere. Natürlich hat der an absoluter Armut leidende Mensch kurz nach dem Krieg weder Fernseher noch Handy gehabt, deren Besitz heute auch in Hartz-IV-Kreisen eine Selbstverständlichkeit (zumindestens mehrheitlich) ist. Nur: Zu einer Zeit in der es diese Dinge generell gar nicht gab (weil noch nicht erfunden), hatte auch der Wohlhabendere sie nicht. Anders gesagt: Wer von „Armut“ spricht, meint in unserem Land damit im Regelfall die „gefühlte Armut“ und das ist die akzeptierte „Armut“, die eine Gesellschaft sich leistet. Und hierbei geht es um den „Abstand und den Anstand“. Wenn ich nichts mehr dabei empfinde und das stets aufs Neue zu rechtfertigen trachte, dass ich ggf. das Mehrhundertfache für mich beanspruche, von dem, was ich dem Geringsten unter uns zubillige, dann bin ich derjenige, der arm dran ist. Und da – mit seiner Schlussbemerkung – hat Herr Henkel wieder recht: Armes Deutschland!

Johannes Bard, Berlin-Lichtenrade

Es ist schon ziemlich unverfroren, wenn Hans-Olaf Henkel in seiner Philippika gegen die Sozialpolitiker den „Gutmenschen“ vorwirft, sie hätten in der gegenwärtigen Weltfinanzkrise nicht wahrgenommen, dass „in erster Linie die Reichen betroffen sind“ und „die Krise die Armen hierzulande bisher kaum getroffen“ hat. Wer waren denn die ideologischen Brandstifter der Deregulierung und Privatisierung, wenn nicht die Leute vom Schlage Henkels, die uns die schlimmste Weltfinanz- und -wirtschaftskrise seit Jahrzehnten beschert haben? Mit denen sollen wir auch noch Mitleid haben? Und die sollen nach den Vorstellungen Peter Sloterdijks mildtätig zu den Armen sein? Sie haben doch davon profitiert, dass als Ergebnis der Krise die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert wurden und heute das Kasinospiel an den Börsen mit neuen, weit überhöhten Bonizahlungen und Abfindungen weitergeht, als sei nichts gewesen.

Henkel sollte begreifen, dass wir alle nur von der gesellschaftlichen Zusammenarbeit in einer sozial gerechten Gesellschaft profitieren und diejenigen besonders in die Pflicht genommen werden müssen, die von den zerstörerischen Mechanismen in der Vergangenheit besonders profitiert haben!

Henkel lenkt mit seinen jämmerlichen Angriffen auf die „Armuts-Heuchler“ eindeutig von seinem eigenen ideologischen Versagen ab, das dazu geführt hat, dass die Sozialpartnerschaft gefährdet ist und Grupppen der Gesellschaft die Demokratie zur Kleptokratie gemacht haben, weil die Kosten der Krise ungleich verteilt wurden. Das ist doch der eigentliche Skandal und nicht der Streit über die Definition des Begriffs Armut!

Hans-Henning Koch, Berlin-Wannsee

Der Artikel zeigt, dass sich Henkel in seinem Leben vor allem mit einem beschäftigt zu haben scheint: Zahlen zu drehen. Was fehlt, ist die Sicht auf die Menschen. Wenn die Begegnung mit Armut in unserem Land sich auf ein Weihnachtsgansessen der Stadtmission beschränkt, so empfehle ich den täglichen Verkehr mit der U-Bahn und den offenen Blick auf Kleidung, Gesundheitszustand und in die Augen vieler derer, die dort unterwegs sind, gerade auch der Kinder. Und ich meine Menschen, von denen viele hart arbeiten, arbeiten wollen oder zu arbeiten versuchen. Geldnot, aber auch andere, schlimmere Arten von Armut, entsteht, weil Arbeit oft zu schlecht bezahlt ist.

Ulrich Schacher,

Berlin-Waidmannslust

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