Leserbriefe : Kleinschreibung zur Regel machen

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„Die Sprache lebt, die Regel bebt“ vom 9. August 2004

Statt uns unsinnige rechtschreibreformen verordnen zu lassen, sollten wir alle die einfachste und wirksamste reform ab sofort selbst durchsetzen. Sie besteht aus einer einzigen regel und hilft allen, vor allem schülern und ausländern, die deutsch lernen:

„Alles wird klein geschrieben, außer am satzanfang, ferner eigennamen und ,Du‘ und ,Sie‘ in der anrede.“

Nur die deutschsprachigen leisten sich den luxus, ihre rechtschreibung durch groß- und kleinschreibung zu komplizieren. Auch die jetzige reform ist hier keine hilfe. Oder ist es sinnvoll, dass nun geschrieben werden soll: etwas Anderes, im Voraus, die allein Erziehenden. Das schwerwiegendste argument gegen die rechtschreibreform besteht darin, dass sie ein verstoß gegen die „gesprochene Sprache“ darstellt. Mit anderen Worten: Wir alle haben als muttersprachler, die wir deutsch beherrschen, hierdurch keine hilfe mehr, um zu entscheiden, ob ein wort zusammen oder getrennt geschrieben wird. Bisher wusste jeder deutschsprachige durch die kenntnis seiner muttersprache, dass die wörter „sogenannt“, „ineinandergreifen“, „alleinstehend“ usw. zusammengeschrieben werden. Nun sollen wir „so genannt“, „ineinander greifen“, „allein stehend“ schreiben, als ob der deutsche muttersprachler diese wörter so ausspräche: „so genánnte“, „ineinander gréifen“, „allein stéhend“. Hingegen stützt sich die reform in anderen fällen auf die „gesprochene sprache“, da sie fordert, dass fremdwörter so geschrieben werden, wie sie im deutschen ausgesprochen werden. Also soll „Photographie“ nun „Fotografie“ und „Orthographie“ nun „Orthografie“ geschrieben werden. Aber warum wird letzteres Wort dann nicht „Ortografie“ geschrieben? Und warum wird das Wort „Thron“ immer noch mit „th“ geschrieben?

Also lassen wir uns nichts „von oben“ verordnen und verwirklichen selbst ab sofort die eingangs formulierte aus einem einzigen satz bestehende reform. Die an der rechtschreibreform beteiligten wissenschaftler der germanistik haben sich gegen diese einfache reform ausgesprochen, weil „die Großschreibung das Lesen erleichtere“. Haben die menschen in anderssprachigen ländern etwa probleme mit dem lesen?

Prof. Dr. Ludger Schiffler, Lehrstuhl für Didaktik der romanischen Sprachen und Literaturen, Freie Universität Berlin

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