Leserbriefe : Können wir uns in Berlin noch überall gefahrlos auf die Straße trauen?

Zur Berichterstattung über Gewalt

in öffentlichen Verkehrsmitteln

Alle reden im Moment von gewalttätigen Übergriffen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die auffälligen Jugendlichen finden sich aber nicht nur in Bussen und Bahnen. Vielmehr ist es so, dass ich als älterer Mensch mich allein nur noch selten traue, spazieren zu gehen oder einen ausgedehnten Bummel durch die Kaufhäuser zu machen. Heutzutage wird man doch ständig von auf den Straßen oder in Parks herumlungernden Jugendlichen belästigt. Und von Polizei oder Mitarbeitern des Ordnungsamts ist in der Regel nichts zu sehen.

Kurt Döring, Berlin-Wedding

Beleidigungen und Gewalt gehören zum Alltag – besser als die Busfahrer kann man es nicht ausdrücken. Aber die Gewalt beschränkt sich nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel, auch auf der Straße gehört sie leider längst zum Alltag. Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass man entweder selbst von Jugendlichen belästigt oder gar bedroht wird oder Zeuge solcher Vorfälle wird. In Kreuzberg oder Neukölln traut man sich in einigen Gegenden allein kaum noch auf die Straße, und das sogar am helllichten Tag. Tatsache ist, dass die Hemmschwelle von Jugendlichen, Gewalt anzuwenden, immer weiter sinkt. Sie nehmen auf nichts und niemanden mehr Rücksicht – da ist die ständige akustische Belästigung durch aus Kopfhörern dröhnende Musik noch das geringste Übel. Wenn man etwas sagt, hat man sehr gute Chancen, zumindest bedroht, wenn nicht gar körperlich angegriffen zu werden.

Woran das liegt? Da kann ich nur raten. Versäumnisse bei der Erziehung und Vermittlung von Werten gibt es wohl schon im Elternhaus, aber daran allein kann es nicht liegen. Auch der Staat ist gefordert. An den Schulen wird offensichtlich zu wenig getan, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Stefan Winkler, Berlin-Tempelhof

Sehr geehrter Herr Döring,

sehr geehrter Herr Winkler,

in einer Großstadt wie Berlin mit fast 3,4 Millionen Einwohnern treffen naturgemäß sehr viele ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen in der Öffentlichkeit aufeinander. Dabei sind Jugendliche, insbesondere junge Männer, besonders im Straßenbild präsent. Denn hier verbringen sie den größten Teil ihrer Freizeit, meist zusammen mit anderen Jugendlichen. Insbesondere ältere Menschen fühlen sich oft durch Jugendliche, die in Gruppen beieinanderstehen, Musik hören oder sich lautstark unterhalten, belästigt. Gewalttätig ist die ganz überwiegende Mehrzahl dieser Jugendlichen jedoch nicht. In Ihren Briefen beziehen Sie sich ja auch in erster Linie auf Belästigungen, nicht auf Gewalttaten, die sie selbst erlebt haben.

Die Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, ist in Berlin geringer als in vergleichbaren Metropolen anderer Länder. Gleichwohl: Jede einzelne Tat ist eine Tat zu viel. Deshalb hat für die Berliner Polizei die Verhütung beziehungsweise Aufklärung von Gewaltdelikten Priorität. In besonderen Einheiten, den „Operativen Gruppen Jugendgewalt“, sind Beamte vorzugsweise dort eingesetzt, wo sich Jugendliche aufhalten. Sie wirken vorbeugend, indem sie sie persönlich ansprechen und aus der Anonymität holen, ihnen die Folgen möglicher Straftaten aufzeigen, sich aber auch ihre Nöte anhören und vermittelnd eingreifen.

Der Verfestigung krimineller Karrieren wirkt die Berliner Polizei in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft mit dem Intensiv- und Schwellentäterkonzept entgegen. Mehrfachtäter werden in beiden Behörden immer jeweils von demselben Sachbearbeiter betreut. Dadurch können frühzeitig Haftbefehle erwirkt und spürbare Strafen durchgesetzt werden.

In der Gewaltprävention ist die Berliner Polizei als verlässlicher Kooperationspartner anerkannt. Die Polizeiabschnitte haben in Berliner Schulen im letzten Jahr 2240 Anti-Gewalt-Veranstaltungen durchgeführt. Hier werden den Schülern neben Grundzügen des gesellschaftlichen Normensystems Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung von Konflikten vermittelt. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Partnern in Schule und Jugendarbeit frühzeitig auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen Einfluss zu nehmen. Für Erwachsene führt die Berliner Polizei zudem Veranstaltungen zum Umgang mit Aggression und Gewalt in der Öffentlichkeit durch, die die Sicherheit und auch das Sicherheitsgefühl der Teilnehmer erhöhen.

Diesen dreifachen Ansatz der Prävention, der Hilfestellung und der Strafverfolgung wird die Polizei konsequent weiterverfolgen. Dauerhafte Erfolge sind jedoch mit polizeilichen Mitteln allein nicht zu erreichen, denn Sie haben recht: Es geht um die Vermittlung von Werten. Deshalb ist es richtig und notwendig, mehr in Erziehungshilfe, Kindergärten und Schulen zu investieren.

Mit freundlichen Grüßen

— Dieter Glietsch,

Polizeipräsident von Berlin

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