Leserbriefe : Komfortabel ist was anderes

„Ein Zwischenruf zu ... Alleinerziehenden / Ursula Weidenfeld über ein schweres Los, das die Allgemeinheit durch ihre Fürsorge verewigt“ vom 20. Dezember

Entweder hat sich in den letzten sieben Jahren die Situation von alleinerziehenden Müttern radikal verbessert, oder Frau Weidenfeld weiß nicht, worüber sie spricht. Die Autorin stellt zwar fest: „Alleinerziehende Mütter arbeiten die längsten Wochenarbeitszeiten aller Bevölkerungsgruppen“, schafft es aber nicht, darin den wahren Grund für Hindernisse zurück in eine neue Partnerschaft zu sehen. Stattdessen philosophiert sie über die angeblich zu große Fürsorge der Gesellschaft. Was sollte an einem so arbeitsreichen und freizeitarmen Leben denn so interessant sein, dass man diesen Zustand unbedingt aufrechterhalten wollte? Wo, bitte, soll man als Mutter denn jemanden kennenlernen, wenn man kaum Zeit hat, auszugehen? Und es gibt noch viele andere Gründe, warum eine Mutter alleine bleibt: Der Kindesvater war überfordert, wollte nur Spaß und übernahm keine Verantwortung, ist geflüchtet. Sie hat die Trennung vom Kindesvater noch nicht verarbeitet und der Kindesvater schwirrt aber ständig um sie herum, weil er sein Kind sehen will. Wie soll frau sich da ablösen? Viele Männer wollen keine Frauen mit Kindern.

Die sogenannte Fürsorge der Gesellschaft setzt da an, wo Väter versagen. Deshalb wäre ein Appell an die Väter eher angebracht, z. B.: Haltet euch von Frauen fern, wenn ihr keine Verantwortung und Fürsorge für Mutter und Kind(er) übernehmen wollt. Das wäre mal ein echter Fortschritt, solche Appelle fehlen nämlich in unserem Land, das gerne alle familiären Probleme einseitig auf die Mütter abwälzt. Die Autorin zementiert gängige Vorurteile gegenüber alleinerziehenden Müttern, die in unserer Gesellschaft ganz sicher eines nicht haben: genug Fürsorge.

Margot Winkler, Berlin-Moabit

Ursula Weidenfeld schreibt, alleinerziehenden Frauen gilt zu Recht die Hauptsorge der Gesellschaft, da sie die längste Wochenarbeitszeit haben und die Kinder besonders gefährdet sind. Das ist ein Allgemeinplatz, der schon so nicht stimmt.

Aber vielleicht ticken ja alleinerziehende Frauen anders, ich bin alleinerziehender Vater. Ich arbeite als Erzieher. Mein Gehalt wird durch Hartz IV aufgestockt. Durch ständige Halbjahresverträge komme ich regelmäßig in prekäre Situationen inklusive Schulden beim Jobcenter. Meine Tochter ist nun aber eine gute Schülerin, geht zur Musikschule und hat sicher kein Handicap Bildungsarmut. Mache ich etwas nicht richtig? Frau Weidenfeld fragt, warum sich viele Frauen für den Weg als Alleinerziehende entscheiden und beantwortet sich diese Frage gleich selbst. Es hat etwas mit staatlicher Fürsorge zu tun! Ich bezweifle stark, dass es eine bewusste Entscheidung der Frauen oder auch Männer ist, alleinerziehend zu sein. Das Leben ändert sich durch ein Kind, manchen Paaren gelingt es nicht, den Weg gemeinsam zu gehen.

Beziehungen gehen auseinander. Die Gründe sind vielfältig. Ich habe noch nie gehört, dass jemand berechnend sagt, ich werde jetzt alleinerziehend der staatlichen Fürsorge wegen. Ob sich jemand für einen neuen Partner entscheidet, ist eine Sache, die jenseits des Einflusses staatlicher Fürsorge steht.

Die Frage, Hartz IV oder neuer Partner, ist absurd. Es geht auch an der Realität vorbei zu behaupten, das Leben mit Hartz IV als Alleinerziehender sei eine besonders komfortable Situation. Ich habe in den vergangenen Monaten erfahren, wie schwer es für das Jobcenter ist, den Bedarf zum Lebensunterhalt festzustellen, wenn noch Leistungen vom Arbeitsamt oder einem Arbeitgeber hinzukommen. Bevor die Leistungen ausgezahlt werden, stellt sie das Jobcenter vorsorglich ein. Es kann dauern, bis sie zu einem Ergebnis kommen. Bis dahin hat man dann eben kein Geld. Das ist alles andere als komfortabel! Meine Tochter ist davon unverschuldeterweise direkt betroffen. Es ist eine frustrierende Lebenssituation und ich wäre froh, keine Leistungen vom Jobcenter erhalten zu müssen. Bei allen Schwierigkeiten mache ich eine Ausbildung zum Musikerzieher, die ich übrigens selbst finanziere, und hoffe, damit einmal auf eigenen Füßen zu stehen. Dafür kann mir Frau Weidenfeld gerne Tipps geben.

Hilmar Misch, Berlin-Prenzlauer Berg

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