Leserbriefe : Kommt mit uns die Sintflut?

-

„Das Eis schmilzt“ vom 30. September und „Das Klima wandelt sich“ vom 2. Oktober 2005

Die Nachricht des Jahrhunderts wurde wahrscheinlich kaum beachtet, ist schon wieder vergessen. Das Klima der Erde verändert sich dramatisch. Es handelt sich um den stärksten Klimawandel, der in den vergangenen Millionen Jahren auf der Erde im globalen Mittel auftritt.

Na und? Wir können ja unmöglich auf das Auto verzichten, wie soll denn das heutzutage noch gehen? Oder Urlaub ohne zu fliegen? Und die vielen Lkw auf der Autobahn, wer soll denn das in Zukunft alles transportieren? Und der Strom, den wir schließlich brauchen, um unsere Lebensqualität zu sichern. Und wollen Sie in Zukunft vielleicht frieren ohne Heizöl, ohne Kohle, ohne Holz, nur weil beim Verbrennen Kohlendioxid, oder wie dieses Zeug heißen soll, entsteht?

Die Uhr tickt. Wir machen das Wetter. Der Mensch schafft sich seine Lebensbedingungen. Er verbrennt die fossilen Rohstoffe im Übermaß. Und er verbrennt immer mehr und mehr. Er weiß es auch. Aber er ist derart von seinem technischen Fortschritt fasziniert, dass er nicht die Vernunft besitzt, davon abzulassen. Das würde ja Konsumverzicht bedeuten. Wie soll das gehen, wo die Wirtschaft doch stetiges Wachstum erfordert. So wachsen wir immer schneller in die größte Klimakatastrophe der Menschheit hinein. Da wird sich die Jugend nicht mehr um die Höhe ihrer Altersrente kümmern brauchen, sondern darum, wie man sturm- und orkansichere Unterkünfte vor der Überflutung schützt, und wo es trotz Dürre noch ein paar Lebensmittel gibt.

Günther Radtke, Berlin-Marienfelde

Sehr geehrter Herr Radtke,

Sie haben Recht, der globale Klimawandel ist eine Realität. Es herrscht Konsens in der internationalen Klimaforschung darüber, dass es einen erkennbaren Einfluss des Menschen auf das Klima gibt. Das Klima ist träge und reagiert daher erst mit einer Zeitverzögerung von einigen Jahrzehnten auf äußere Einwirkungen. Wir werden wegen dieser Trägheit in den kommenden Jahrzehnten mit weiter steigenden Temperaturen und mehr Wetterextremen zu rechnen haben. Wichtig ist dabei aber, dass wir die gravierendsten Veränderungen noch vermeiden können. Die Europäische Kommission hat als Obergrenze für die globale Erwärmung zwei Grad bis 2100 als Ziel formuliert.

Ich bin Optimist und glaube, dass wir dieses ehrgeizige Ziel erreichen können. Aus der Sicht eines Klimaforschers müsste dazu der Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre bis 2100 um etwa 90 Prozent reduziert werden. Da der weltweite Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) eng an die Verbrennung der fossilen Brennstoffe (Erdöl, Kohle, Erdgas) geknüpft ist, müssen wir langfristig die Weltwirtschaft in Richtung der erneuerbaren Energien umbauen. Wegen der Trägheit des Klimas ist ein „Crashkurs“ nicht notwendig, das Klima reagiert nur auf unsere langfristige Strategie. Dies bedeutet, dass der Umbau der Wirtschaft allmählich und ohne große Verwerfungen erfolgen kann.

Wir sollten eine zweistufige Strategie verfolgen. Kurzfristig müssen alle Energiesparpotenziale ausgenutzt werden. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Ich denke beispielsweise an „Stand-by“-Einrichtungen. Wenn jeder von uns in Deutschland auf diese Funktion verzichtet, könnte man auf mindestens ein großes Kraftwerk verzichten. Ich denke an die benzinfressenden Geländewagen, die immer öfter auf unseren Straßen zu sehen sind, oder daran, den Güterverkehr verstärkt von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Wir sollten also Energie wieder als kostbares Gut ansehen und mit ihr so sparsam wie möglich umgehen. Die Entwicklung intelligenter Techniken muss gleichzeitig vorangebracht werden. Der Hybridantrieb für Autos ist ein gutes Beispiel.

Langfristig muss aber der Umbau der Weltwirtschaft in Richtung der erneuerbaren Energien gelingen. Der Energiehunger der Welt wird in den kommenden Jahrzehnten zunehmen. Vor dem Hintergrund der zur Neige gehenden fossilen Energieträger kommt daher den erneuerbaren Energien, vor allem der Sonnenenergie, eine zentrale Rolle zu. Insbesondere wegen der künftig weiter steigenden Preise für fossile Energie ist es auch im ökonomischen Interesse, die Abhängigkeit vom Erdöl in den kommenden Jahrzehnten zu beenden. Hierzu bedarf es aber einer regelrechten solaren Revolution. Das Motto muss heißen: Klotzen und nicht kleckern. Innovation ist gefragt und hier bietet sich für Deutschland auch eine große Chance. Ich erinnere an den Werbeslogan des Landes Baden-Württemberg „Wir können alles außer Hochdeutsch“. Wenn wir bei der Entwicklung der alternativen Energien die Nase vorn haben, werden wir auch wirtschaftlich profitieren. Insofern sitzen wird alle im selben Boot: die Ökonomen und die Umweltschützer. Für Endzeitstimmung ist daher kein Raum. Krempeln wir die Arme hoch und lösen das Problem.

— Dr. Mojib Latif, Professor am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, Universität Kiel

0 Kommentare

Neuester Kommentar