Leserbriefe : KOSTENLOSE TESTS IN GESUNDHEITSÄMTERN Warum sparen wir uns Aids-Tests?

Unsere Leserin Elvira Zellner-Hanemann kritisiert, dass Gebühren eingeführt werden. Gesundheitssenatorin Knake-Werner findet, dass Prävention ihre Grenzen hat

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Zu: „Im Land der Waisen“ und „Senat will kostenlosen AidsTest streichen“ vom 1. Dezember 2003

Ich habe gerade Ihre Artikel zum Weltaidstag gelesen, die ich allesamt sehr informativ und wichtig fand. Was ich allerdings auf der Berlin-Seite lesen musste, erzürnt mich derart, dass ich meiner Empörung Luft machen möchte.

Klar, Berlin muss sparen, das tut der Senat auch an allen Ecken und Enden; schlimm genug, dass er es im Bereich der Bildung und Jugendarbeit tut, aber dass nun auch noch der kostenlose Aidstest abgeschafft werden soll, das schlägt dem Fass den Boden aus!

Wie kann man nur so naiv sein zu denken, dass irgendjemandem durch Einsparungen von weniger als 70 000 Euro gedient ist, wenn man später auf der anderen Seite für die immensen Kosten für die Behandlung von Aidskranken aufkommen muss? Das nenne ich ein Paradebeispiel von zu kurz gedacht, falsch gedacht und nicht an die Folgen gedacht.

Eine wahrlich frohe Botschaft rechtzeitig zum Weltaidstag!

Ich kann nur hoffen, dass der Senat von Berlin diesen Beschluss schleunigst zurücknimmt – und das wäre dann auch gut so.

Elvira Zellner-Hanemann, Berlin-Moabit

Sehr geehrte Frau Zellner-Hanemann,

Ihre Sorge über das Ausmaß von AIDS teile ich. Ich habe anlässlich des Welt-AIDS-Tages selbst, zusammen mit vielen anderen, Geld für die AIDS-Hilfe gesammelt. Die Krankheit wütet nicht nur weit weg in Afrika oder Asien, sie ist auch bei uns längst nicht besiegt. Die inzwischen wesentlich längere Lebenserwartung von AIDS-Kranken, wenn sie wie bei uns medizinisch gut behandelt werden, hat bei vielen Menschen hierzulande allerdings die Angst vor AIDS verdrängt. Vorbeugung wird vernachlässigt, gerade junge Menschen halten viel zu oft nichts mehr von AIDS-Prävention. Die Folge: Die Zahl der Neuinfektionen ist wieder angestiegen.

Das haben auch kostenlose AIDS-Tests nicht verhindern können. Sie ersetzen eben keine Prävention. Die hohe Zahl der Tests besagt hingegen, so manch einer glaubt, wenn ich mich risikovoll verhalte, kann ich mich ja später testen lassen. Die Test-Möglichkeit ist ein hoher Wert, nicht nur materiell gesehen. Wer einen AIDS-Test in Anspruch nimmt, muss sich dessen auch bewusst sein. Da stellen die 10 Euro, die ein Test künftig kosten wird, keine neue Hürde dar.

Natürlich wäre es auch mir lieber, wenn viele Angebote von Krankenkassen und Gesundheitsämtern auf Dauer kostenlos bleiben könnten. Laut ärztlicher Gebührenordnung kostet ein AIDS-Test (inklusive Nachtest) zwischen 75 und 93 Euro. Mit den geplanten Gebühren für die Tests in den bezirklichen Beratungsstellen werden gerade mal die Labor- und Materialkosten abgedeckt. Die fachliche Beratung vor einem Test zu Gefährdung, Verhalten und Schutz wird als Mittel der Prävention nach wie vor für alle kostenlos angeboten. Somit haben die 10 Euro mehr symbolischen Wert. Für Menschen mit sehr niedrigem Einkommen werden die AIDS-Tests bei den Berliner Gesundheitsämtern zudem weiterhin kostenlos bleiben.

Sie sehen, nicht alles, was neu mit Gebühren belegt wird, dient dem Stopfen von Haushaltslöchern. Dazu sind die Berliner Probleme auch wahrlich viel zu groß. Wir setzen Prioritäten und haben die Mittel für die AIDS-Hilfe im Unterschied zu anderen Bundesländern aus diesem Grund nicht gekürzt - gerade weil wir an die Folgen denken. Der beste Schutz vor AIDS ist und bleibt ein verantwortungsvolles Sexualverhalten. Wir brauchen deshalb gerade unter jungen Leuten wieder dringend mehr Aufklärung. Dazu beizutragen sind alle aufgefordert - Politiker, Eltern, Lehrer, Journalisten…

Heidi Knake-Werner ist Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz in Berlin.

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