Leserbriefe : Krankenkassen missbrauchen ihre Macht

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Betrifft: „Harte Zeit für Blaumacher" im Tagesspiegel vom 15. Juli 2002

Fünfzig Prozent aller Patienten, die längere Zeit arbeitsunfähig sind, sind nach meiner Schätzung psychosomatische Kranke. Diese Patienten werden seit mehreren Jahren von den Krankenkassen bevorzugt in die so genannte Kurzbegutachtungsstelle des Medizinischen Dienstes einbestellt. Bei vielen von diesen wird nach einer unzulänglichen „Untersuchung" von höchstens zehn Minuten Dauer die Arbeitsunfähigkeit sofort beendet. Dieses ist ein ebenso würdeloses wie willkürliches Verfahren, weil niemand in zehn Minuten ein psychosomatisches Krankheitsbild beurteilen kann.

Soweit es meine Patienten (in rund zwanzig Fällen) betraf, habe ich fast immer Widerspruch gegen die Entscheidung eingelegt und bei einer ordentlichen Nachuntersuchung durch psychosomatisch geschulte Ärzte ausnahmslos Recht bekommen. Das spricht eindeutig für die Unzulänglichkeit dieses Systems. Es ist höchst merkwürdig, dass sich die Kassen auch noch trauen, sich öffentlich dieser äußerst zweifelhaften Praxis zu rühmen.

Ein vermuteter Missbrauch wird hier durch einen ganz offensichtlichen Missbrauch von Macht bekämpft. Und jetzt soll dieses Vorgehen noch verschärft werden?

Dass der hohe Krankenstand gerade von psychosomatischen Patienten sehr viel eher mit den schwierigen sozialen Problemen dieser Stadt zu erklären ist, liegt auf der Hand. Vergleiche mit westdeutschen Großstädten sind deshalb wenig aussagekräftig.

Zu fragen wäre aber sehr wohl, wie es um die Versorgung psychosomatischer Patienten beschaffen ist. Zum Beispiel könnten die Kassen Millionen sparen, wenn sie mit den Rentenversicherungsträgern besser kooperieren und psychosomatische Kuren rascher genehmigt würden.

Dr. Thilo Bulling, Berlin

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