Leserbriefe : Kulturforum: ein Ort, viele Ideen

„Ab 2011 wird auf dem Kulturforum gebaut / Senatsbaudirektorin Lüscher beruft Expertengremium. Parteien fordern eine Belebung des Ortes, bewerten Masterplan aber kritisch“ von Sabine Beikler und

Ralf Schönball vom 21. August

Die Unbelebtheit des Kulturforums soll mit einer (wahrscheinlich teuren) Umgestaltung des Platzes bekämpft werden. Der Platz könnte auch ohne Baumaßnahmen ein Publikumsmagnet sondersgleichen sein, wenn hier, in ein gutes Konzept eingebunden, Maler, Musiker und darstellende Künstler geduldet würden.

Christian Hetz, Berlin-Lichterfelde

Das Kulturforum, diese steingewordene Idee der Funktionstrennung und von „Stadt in der Landschaft“, beherbergt großartige Beispiele architektonischer Innenwelten, wie in der Philharmonie und in der Staatsbibliothek. Aber gerne ansehen im Vorbeifahren mag man nur die Neue Nationalgalerie und die Matthäuskirche. Von ihnen geht auch eine Kraft nach außen.

So schön jedoch der Anblick der Matthäuskirche ist, so traurig steht sie da, weil sie ihrer dienenden „Funktion“ beraubt ist. Mutterseelenallein ohne Gemeinde. Keine Häuser, wo Menschen drin wohnen, drumherum. Wäre es nicht möglich, die freien Flächen zwischen Kammermusiksaal und Neuer Nationalgalerie für eine städtische Bebauung zu nutzen, vielleicht ein Musikerviertel, wie es sie vor der Stadt in Mahlow und Teltow gibt, die aber hier gewiss eine noch größere Berechtigung hätten, oder ein Künstlerviertel? Warum nicht auch kleinteilig in der Parzellierung von 1920? Große Gesten sind hier zur Genüge gemacht. Zugegeben, das wäre ein Bruch mit dem hier so exemplarisch vorgeführten Trennungsprinzip. Es läuft wohl auf die Entscheidung hinaus: Will man einen öden Ort zum Pulsieren bringen oder will man den Welterbetitel „Kulturforum“? Bei dem geplanten Kolonnadenhof scheint Skepsis angebracht, ob wir solche großen Raumgefäße so nah am Leipziger und Potsdamer Platz brauchen?

Stefan Krappweis,

Berlin-Charlottenburg

Man kann dem Kulturstaatssekretär André Schmitz nur zustimmen: Der Zustand des Kulturforums ist beklagenswert. Die Um- und Neugestaltung des Geländes ist mehr als überfällig. Allerdings lassen die Autoren des Artikels einen wichtigen Aspekt aus. Leider ist immer noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass auf dem städtebaulich trostlosen Areal an der Philharmonie im Rahmen der „Aktion T4“ die systematische Massentötung wehrloser, kranker Menschen unter der beschönigenden Überschrift „Euthanasie“ geplant und organisiert wurde. In dem Artikel ist von der Gestaltung eines „Kulturboulevards als Verlängerung des Boulevards der Stars vom Potsdamer Platz bis zum Kulturforum“ die Rede. Als Angehörige eines „Euthanasie“-Opfers empfände ich es als eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer, wenn hier lediglich ein auf beliebige Gefälligkeit zielender Boulevard mit „integrierter Gastronomie“ entstehen würde. Schon seit Jahren wird von vielen Menschen gefordert, dass auf diesem für die Geschichte der „Euthanasie" so zentralen Areal im Rahmen der städtebaulichen Umgestaltung des Kulturforums ein angemessener Gedenk- und Dokumentationsort für die vergessenen Opfer der NS-Gewaltherrschaft entstehen soll. Wenn man den letzten Teil des Artikels liest, kann man allerdings auch auf die Idee kommen, dass die Umgestaltung noch weitere Jahrzehnte dauern wird und im kleinkarierten politischen Hickhack der Stadt Berlin zerredet wird. Ich weiß nicht, was schlimmer wäre – das Aussitzen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag oder das Durchpeitschen eines „Boulevards der Eitelkeiten“. Hoffentlich sind sich die Teilnehmer des Experten-Workshops ihrer Verantwortung bewusst.

Sigrid Falkenstein, Berlin-Lichtenrade

Meiner Auffassung nach ist der unter Hans Stimmann entworfene Masterplan noch immer eine gute Grundlage für die langfristige Reurbanisierung dieser Stadträume. Die Verwirklichung dieses Planungskonzeptes sollte allerdings so flexibel gestaltet werden, dass ursprüngliche Fehler korrigiert und auf veränderte Rahmenbedingungen während der Umsetzung zügig reagiert werden kann.

Meiner Meinung nach ist es inhaltlich nicht nachvollziehbar, warum Herr Flierl (aber auch die Position der Berliner CDU und FDP möchte ich kritisch hinterfragen) immer wieder meint sich für eine zwingende Konservierung letztlich in West und Ost gescheiterter städtebaulicher Leitbilder der 30er, 40er und 60er Jahre positionieren zu müssen. Bis heute verhindert diese Nostalgie die Umsetzung wichtiger Ziele wie Urbanität, Dichte, Nutzungsmischung und soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit in Berlin.

Markus Erich-Delattre, Hamburg

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