Leserbriefe : Lassen wir unsere Kinder verwahrlosen?

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„Vier Kinder leben monatelang allein“ vom 28. April

Familienverbände, wie es sie noch vor einigen Jahrzehnten gab, sind insbesondere in Ballungsgebieten im fortgeschrittenen Verfall. Im anonymen Großstadtbetrieb führen die Überforderungen in die Elternrolle geratener Menschen zu sozial unverständlichen Verhaltensweisen, wobei weitverbreitete materielle Armut, die ausgelöst oder verstärkt wird durch für den Einzelnen nicht mehr finanzierbare Kindererziehung, eine wesentliche Ursache darstellt. Das Korsett der klassischen Kleinfamilie (Vater/Mutter) fehlt in vielen Bereichen. Ein größerer Familienverband, der auffangen könnte, fehlt häufig. Beide oder einzelne Elternteile brechen unter der Last der Erziehungsverantwortung zusammen.

Wer könnte nun zuständig sein für den Schutz der kleinsten und schwächsten Mitglieder und der Zusammengebrochenen in unserer Gesellschaft? Verantwortung übernehmende Nachbarn sind im verarmenden Milieu rar geworden, denn: Wer will/kann sich die Verantwortung einer fremden zerfallenen Familie aufhalsen? Wer setzt sich der Gefahr aus evt. ein Schnüffler oder Denunziant zu sein? Wie hilft die staatliche Gemeinschaft? Zuständige Behörden sind auch für Gutwillige kaum wahrnehmbar. Der Grund ist einfach: Kein Geld, keine Mitarbeiter, keine ausreichenden Kompetenzen, gezielter Abbau qualifizierter Strukturen wie Sozialmedizinischer Dienst, Erstbesuche bei Geburten. Die politische Leitung versagt an der Mittelbeschaffung und lamentiert stattdessen. Sorgerechtsentziehungen scheitern scheinbar am Grundrecht der Familie, Art. 6 GG. Wahrer Grund ist, dass pädagogisch adäquate Unterbringung an dem Umfang der bereitzustellenden Mittel für ausgebildetes Personal und Sachmittel scheitert.

All dies ist skandalös, aber bekannt. Bereits jetzt gibt es eine ungezählte Zahl von unterversorgten, gequälten und psychologisch deformierten sowie misshandelten Kindern. Es nutzt diesen Kindern nichts, die scheinbare Einzelverantwortung eines unverständlichen Verhaltens der Mutter zu beschreiben ohne unsere eigene Verantwortung durch fehlende Bereitstellung von Mitteln beim Namen zu nennen. Wer fragt nach dem Preis, wenn wir nicht handeln? Es gibt keine bessere Investition.

Peter Pietsch, Berlin-Schmargendorf

Sehr geehrter Herr Pietsch,

immer mehr Fälle von Kindesvernachlässigung werden öffentlich bekannt und schrecken Behörden, Politik - ja die ganze Gesellschaft auf. Als Gegenmaßnahmen wird über verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen oder Sanktionen, wie Kindergeldentzug bzw. Bußgeldverfahren diskutiert. Ins Gespräch gebracht wurde auch eine Mitteilungspflicht aller Krankenkassen an Gesundheitsdienste oder Jugendämter.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mehr Bürokratie oder neue juristische Mittel die Situation von Familien mit Kindern nicht verbessern werden. Wir brauchen eine Verantwortungsgemeinschaft von Kinder-, Jugend- und Gesundheitshilfe, die ganz früh vor Ort ist und den Familien die richtigen Hilfen aus einem umfassenden Präventionsnetzwerk bieten kann.

Ein solches Netzwerk kann erfolgreich nur von den Kommunen organisiert werden.

Dabei muss jeder wissen: Frühe Hilfen sind meistens wirksam und kostengünstig, zu späte Hilfen sind sehr teuer und häufig unwirksam. Deswegen ist es eine politische Fehlentscheidung, wenn qualifizierte Strukturen – wie ein sozialmedizinischer Dienst oder Erstbesuche nach den Geburten - abgebaut werden. Insbesondere Erstbesuche bei den Geburten lassen früh Hilfebedarf erkennen und machen es möglich, die notwendige Hilfe unmittelbar zu organisieren.

Dazu muss vor Ort ein Hilfenetzwerk im Dialog mit Erzieherinnen und Erziehern, Sozialpädagogen, Lehrerinnen und Lehrern, den freien Trägern der Jugendhilfe aber auch ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern, entwickelt werden.

Auch die personelle Ausstattung der Jugendämter und die finanzielle Förderung der freien Träger muss den gestiegenen Qualitätsanforderungen entsprechen. Hier beobachte ich mit großer Sorge, dass besonders Großstädte mit hoher Arbeitslosigkeit und damit vielen Risikofamilien aber wenig Steuereinnahmen zum Sparen bei der Prävention gezwungen werden. Hier ist dringend eine Trendwende erforderlich. Bund und Länder sind zu einer kommunalen Finanzreform aufgerufen, die diesem Trend entgegenwirkt.

Nur wenn es gelingt, die Risikofamilien rechtzeitig zu identifizieren und früh zu unterstützen, können wir Kindesvernachlässigung und Gewalt gegen Kinder vermindern. Neue bürokratische Vorschriften erhöhen die Hemmschwelle für hilfsbedürftige Familien und sind eher hinderlich.

Mit freundlichen Grüßen

— Heinz Hilgers,

Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes

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