Lesermeinung : Mögen die Deutschen keine Kinder?

„Störfaktor Kind: Sind lärmende Kinder eine Zumutung? Die Klagen mehren sich. In Friedenau sollte eine Kita schließen – ausgerechnet am heutigen Kindertag“ von Annette Kögel vom 1. Juni

Lärmende Kinder ein Problem? In Deutschland offensichtlich schon. Die Kita, die in Friedenau schließen soll, ist nämlich leider kein Einzelfall. Immer wieder klagen Anwohner wegen „unzumutbarer“ Lärmbelästigung gegen Kitas oder verhindern per Gericht deren Bau. Da kann die Bundesregierung noch so sehr für die Familie werben: Solange viele Deutsche so kinderfeindlich agieren, werden junge Menschen es sich dreimal überlegen, ob sie ein Kind in die Welt setzen. Wer lässt sich schon gerne von den Nachbarn beschimpfen, weil die Kinder nicht lautlos spielen. Man muss den Leuten endlich klarmachen, dass Kinder unser aller Zukunft sind.
Anke Brunner, Berlin-Friedenau

Sie stellen die Frage, ob lärmende (was für ein Wort!) Kinder eine Zumutung seien. Die Antwort ist mir schon lange klar: Allerdings! Jedenfalls in den Augen und Ohren einiger unserer ehemaligen Nachbarn, die unter uns zu leiden hatten. Und das, obwohl meine Kinder nicht gerade besonders temperamentvoll sind. Während ich in der ersten Wohnung noch glaubte, der Herr unter uns sei vielleicht einfach nur aus persönlichen Gründen gereizt und chronisch schlecht gelaunt, weiß ich es nun – nach einigen Umzügen – besser: Dieses Verhalten, Mütter und deren Kinder einschüchtern zu wollen, indem man sich ständig völlig grundlos beschwert und die abwegigsten Drohungen ausspricht, ist ganz normal.
Ich begreife wirklich nicht, warum zum Beispiel Autolärm toleriert wird, während das Lachen eines Kindes als Bedrohung angesehen wird. In unserer jetzigen Wohnung haben wir Glück: Unter uns ist nur der Keller – und über uns ein fröhlich trampelndes Kleinkind!
Yvonne Dohle, Berlin-Lankwitz

Sehr geehrte Frau Brunner, Sehr geehrte Frau Dohle,

ja, Sie haben Recht! Und leider sind Ihre Befunde keine Einzelfälle. Ich könnte Ihre Beispiele um Turnhallen ergänzen, die um 18 Uhr schließen müssen, damit niemand vom Lärm Sport treibender Kinder und Jugendlicher belästigt wird. Oder wie oft werden wir mit unseren drei Kindern im Lokal schief angeschaut, um dann zum bestellten Kindergericht ganz selbstverständlich Erwachsenenbesteck serviert zu bekommen. Ein Suppenlöffel passt nun einmal nicht in den Mund eines Zweijährigen!

Ich könnte mich schwarz ärgern über Vermieter von Ferienwohnungen, die völlig entsetzt sind, wenn wir mit unseren Kindern anreisen wollen. Ich könnte an die Decke gehen, wenn Mütter erst den Kinderwagen und dann das Gepäck in den Zug wuchten, begleitet von den mitleidigen Blicken der Passanten. Woran liegt das? An sich verschiebenden Altersstrukturen? An der Prozessierlust einiger? An der Ignoranz vieler? Deutschland scheint auf Kinder-Entziehungskur zu sein. Denn jenseits vielfältiger Ursachen ist die Wirkung dieselbe: Eltern oder angehende Eltern haben das Gefühl, Kinder seien nicht willkommen, sie störten. Das ist fatal. Das müssen wir gemeinsam ändern. Aber wie?

Ich bin froh, dass Ursula von der Leyen, die Bundesfamilienministerin, mit einer Kraft und Vehemenz Kinder und Familien fördert und verteidigt, wie es noch nie ein Minister oder eine Ministerin vor ihr getan haben. Mit ihrer herzlichen und zupackenden Art setzt sie ganz selbstverständlich Kinder und die Familie in den Mittelpunkt. Dies gilt auch für die Durchsetzung familienpolitischer Projekte. Das Elterngeld, die Möglichkeiten, die Betreuungskosten steuerlich geltend machen zu können, gemeinsame Anstrengungen mit der Wirtschaft, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, der Ausbau der Kinderbetreuung oder die Mehrgenerationenhäuser waren wichtige Schritte auf dem Weg zu einem kinderfreundlicheren Deutschland.

Bessere Rahmenbedingungen und mehr Geld für Familien sind notwendige aber keine hinreichenden Voraussetzungen für mehr Kinderfreundlichkeit. Denn die Liebe zu Kindern kann nicht politisch verordnet werden, sie muss von uns allen jeden Tag gelebt werden. Wir brauchen Arbeitgeber, die Eltern unterstützen, Kollegen, die Verständnis haben, wenn auch der Vater des kranke Kind pflegt, Städteplaner, die die Welt aus einem Meter Höhe betrachten, Vermieter, die „Hurra, Kinder“ rufen und starke Eltern, die sich selbstbewusst mit ihren Kindern den meckernden Nachbarn stellen und vorleben, wie viel Reichtum in unseren Kinder steckt.

Wer Kinderlachen störend findet und Prozesse führt, wird merken, dass aus der erzwungen Ruhe ganz schnell Friedhofstille wird.

Mit freundlichen Grüßen

— Katherina Reiche (CDU), stellvertretende

Vorsitzende der Unionsbundestagsfraktion

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