Leserbriefe : Liebe deine Nervensägen

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„Wir haben den Zeitpunkt verpasst“ vom 15. März 2006

Herr Professor Birg hat mit seinen Darstellungen Recht. Sicher sind finanzielle Unterstützung, familiengerechte Arbeitsplätze und ausreichende Kinderbetreuung notwendig, um eine Voraussetzung für die Bereitschaft zu mehr Kindern zu schaffen. Nur selbst diese Voraussetzungen werden meines Erachtens nicht allein dazu führen, dass mehr Kinder geboren werden. Dazu gehören zwei weitere Voraussetzungen.

Erstens: Die Gesellschaft muss kinderfreundlicher werden. Solange Kinder auf Höfen nicht geduldet und auf so genannte kindergerechte Spielplätze verband werden, kann man nicht von Kinderfreundlichkeit sprechen. Solange Familien mit 3 und mehr Kinder, ob ihrer großen Kinderzahl bemitleidet oder sogar als asozial angesehen werden, kann man keine Kinderfreundlichkeit erwarten. Zweitens: Solange Eltern nicht bereit sind zu Gunsten von Kindern auf einige Annehmlichkeiten zu verzichten, wird es nicht mehr Nachwuchs geben. Kinder bedeuten nicht nur finanziellen Verzicht, sie bedeuten auch Einschränkung im Hinblick auf gesellschaftliche Mobilität. Sie bedeuten aber auch, in erster Linie, Freude!

Nur wenn diese Voraussetzungen in der breiten Gesellschaft und in den Familien akzeptiert werden, werden auch die notwendigen staatlichen Fördermaßnahmen wirksam werden.

Johannes Ulbig, Berlin-Rudow

Ich denke nicht, dass die Ursache dieses Problems allein in der finanziellen Belastung der Eltern oder in logistischen Herausforderungen liegt. Die Kinderlosigkeit ist doch vor allem Ausdruck einer Lieblosigkeit den Kindern gegenüber. Wenn sich Deutschland am Abend mit der Super-Nanny vor dem Fernseher versammelt und über die um sich tretenden und fluchenden Gören staunt, regt das doch nicht gerade zum Kinderkriegen an. Wenn man dann noch in den Zeitungen liest von Jugendbanden, Gewalt an den Schulen und ähnlichen Katastrophen, dann braucht man sich über einen latenten „Kinderhass“ in unserer Gesellschaft nicht mehr zu wundern.

Aber auf das Naheliegende kommen wir nicht. Wenn man den Kindern endlich mal die Zuneigung gibt, die sie zum Großwerden benötigen, lösen sich viele Probleme von selbst – und siehe da, plötzlich werden aus den potenziellen Nervensägen ganz liebenswerte Wesen!

Yvonne Dohle, Berlin-Lichterfelde

„Zu alt, zu jung“ vom 15. März 2006

Bravo zu diesem Kommentar und leider entspricht er der Realität und nicht die großen Versprechungen unserer großen Regierung. Vielleicht sollten wir über dieses Thema Mal eine Veranstaltung führen,ich wäre gerne dabei an diesem Zustand etwas zu ändern. Übrigens, ich liebe die Musik,Tanzen und Frauen. Aber, wer will mit mir ein Kind erzeugen? Und wie soll es ernährt werden? I don’t know.

Olaf Gierschik, Berlin-Spandau

Vielleicht sollte man sich mal die Mühe machen, in der „Demografiepolitik“ einen Blick auf die Frauen zu werfen, die immer einen Weg finden, Kinder zu bekommen, wenn sie es wollen. In den 70er Jahren haben zornige junge Frauen gesagt „Wir sind keine „Gebärmaschinen“, Selbstbestimmung über ihren Körper gefordert und gleiche Chancen für Frauen in allen Bereichen. Es wurden massenweise Gebärstreiks unterschrieben. Heute gibt es niemand mehr, die das organisiert, aber blöder sind die Frauen nicht geworden. Sie wissen um ihre Doppelbelastung mit Kind und viel seltener kann sie jemand zwingen, etwas zu tun, das sie nicht wollen. Solange ihre Reaktion auf immer noch existierende Ungleichheit als Egoismus abgetan wird, wird die gesellschaftliche Dimension des real existierenden Gebärstreiks verkannt.

Lih Janowitz, Berlin-Schöneberg

„Gesellschaft ohne Kinderwunsch“

vom 15. März 2006

Die Frage „Warum wollen wir keine Kinder?“ lässt sich leider nicht in Talkrunden beantworten, genauso wenig wie die Frage nach Ursachen und Lösungsansätzen. Neben der Tatsache, dass „wir“ sehr wohl wollen, uns nur nicht trauen („Kinderverweigerer“ stellen eine Minderheit und nicht das Problem dar), frage ich mich, warum Ursachenforschung nicht an der Basis betrieben wird? Wo sind die aktuellen Umfragen unter den Müttern, Berufseinsteigern, Akademikerinnen, Jugendlichen, etc.? Festzustellen, dass ein demografischer Wandel stattfindet, ein Geburtenrückgang existiert – Methusalem mit Bart lässt grüßen! Wo bleiben praxisorientierte Handlungsempfehlungen gegründet auf Daten derjenigen, die es real betrifft? Zielgenaue Umfragen würden mehr Klarheit in Gründe, Wünsche und Ängste bringen und wären somit lösungsorientierter als unzählige Talkrunden!

Claudia Mössner, Bielefeld

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