Leserbriefe : Liebe fehlt nicht nur in unserer Gesellschaft

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„Deutschland fehlt die Liebe“

vom 12. April 2006

In dem Beitrag wird der Schauspieler Mehmet Kurtulus zitiert, es mangele „der deutschen Gesellschaft an Werten wie Familiensinn, Religion, Liebe“. Er führt diese Defizite neben „delikanli“ (wenn Hormone den Verstand dominieren) als Grund dafür an, dass türkische Jugendliche möglicherweise deshalb nicht wüssten, „in was sie sich integrieren sollen“. Die Antwort ist ganz einfach: Die grundgesetzliche Ordnung bietet jedem Bürger die Möglichkeit, seine Individualität zu entwickeln. In der traditionellen türkisch-islamischen Gesellschaft hingegen wird an die Stelle des Grundrechts auf die Gleichheit vor dem Gesetz der unbedingte Gehorsam („Respekt“) gegenüber dem – natürlich – männlichen Familienoberhaupt eingefordert, dessen Vollstrecker die – natürlich – männlichen Angehörigen der Sippe sind.

Familiensinn? Die Kanonisierung der islamischen Religion endete mit der Übernahme der (vor allem politischen) Macht durch die Imame, die alle persönlichen Lebensumstände regelnd die „Wahrheit“ gefunden hatten, bevor ein innerkonfessioneller Diskurs überhaupt stattfinden konnte – von einer Auseinandersetzung mit der Moderne ganz zu schweigen. Stattdessen wird die Sunna ganz diesseitig zur Durchsetzung der Scharia bemüht. Religion? Die Partnerwahl des Nachwuchses wiederum obliegt dem Familienoberhaupt, und zur Not muss es zum Erhalt der „Ehre“ auch eine „reine“ Importbraut aus der Türkei sein – und sei es die Cousine. Liebe? Beim besten Willen: Ich kann in dieser archaischen Gesellschaft nichts von allen dreien finden.

Warum sollte man in unserer Kultur auf einmal daran einen Mangel empfinden? Delikanli – da kann man nichts machen! Oder doch? Dazu allerdings bedarf es der Übernahme von Verantwortung. Für das eigene Handeln. Und Denken. Nennen wir es Ausgang aus der selbst(!)-verschuldeten Unmündigkeit.

Sebastian Wulf, Berlin-Friedrichsfelde

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