Leserbriefe : Lieber nüchtern

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Betrifft: „Im Land der Supernasen" im Tagesspiegel vom 22. Juni 2003

Im Zusammenhang mit Michel Friedman ist bislang nur von Moral die Rede oder von strafrechtlicher Relevanz, ebenso davon, ob der Betroffene über Gebühr geschont oder aber genau deshalb Unrecht angetan wurde, weil er Jude ist. Ich möchte etwas zu bedenken geben, das bislang vielleicht etwas zu kurz gekommen sein könnte:

In der Sonntagsbeilage des Tagesspiegel war etwas über die Wirkung von Kokain zu lesen. Für mich als diesbezüglich Unbedarften ergab sich: Entweder man ist ganz oben oder man ist ganz unten. Nun kann, die strafrechtliche Relevanz einmal außer acht gelassen, jeder mit sich machen, was er will. Ich finde es aber schrecklich, wenn dieser jemand, der seine Befindlichkeit und damit auch sein Verhalten künstlich manipuliert, Meinungen und auch Emotionen verbreitet, die in ihrer, insoweit möglicherweise übertriebenen Ausprägung einem gedeihlichen Zusammenleben aller nicht unbedingt gut tun. Polarisieren, die Geister zu scheiden versuchen, ist ohnehin zu einer Art unterhaltsamem Selbstzweck geworden. Das muss nun nicht noch künstlich gesteigert werden.

Wenn jemand betrunken im Fernsehen auftritt, weiß man wenigstens, woran man ist. Aber so? Kokain ist die Droge der Leistungsträger, stand im Tagesspiegel zu lesen. Ich möchte auf diese Art Leistung verzichten, wie auf all die brillanten Redner, die Leute, die immer gut drauf sind, und die, auf Gedeih und Verderb die so genannte Streitkultur pflegen. Ich möchte auf jemanden hören, der nachdenklich ist, der, wenn er mal nicht gut drauf ist, dies nicht verleugnet, auf einen, der, wenn es ihn überkommt, in Rage gerät, und zwar nicht deshalb, weil er was genommen hat oder lange nichts hatte.

Manfred Püschel, BerlinKladow

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